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Zur Literatur von und über August Strindberg
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August Strindberg
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Frauen auf Tahiti (Am Strand) von Paul Gauguin (1891)
Den neuen Kunststil der modernen Zeit konnte August Strindberg nicht verstehen und hatte dadurch  Schwierigkeiten nicht mit seinen Bekannten und Freunden in heftigen Streitereien zu kommen. So konnte er weder die Kunst eines Gauguin noch die anderer Impressionisten akzeptieren  oder auch nur respektieren. Hier ein für Strindberg typischer  Brief an  Frits Thaulow. 
 
An Frits Thaulow.
Brief Nummer 92
 
 
   [Zirka 22.Juli 1896]
 Lieber Thaulow,
Das Leben eilt dahin und wir mit ihm. Es sind nun zwei Jahre seit ich unter Deinem 
Dach weilte. Meine Gedanken über Deine Kunst, damals, kanntest Du: Du warst 
der Meister in dieser Richtung, die nun zwanzig Jahre geherrscht hat und welche 
ich auch in der Literatur vertreten und für die ich in der Kunst plädiert habe. Aber 
so kam es: Dies ist vollendet; und was dann? Was mehr? Was dahinter? 
Du hast ja, wie ich, während dieser zwei Jahre, das dahinter gesucht und, wie man 
sagt, es gefunden. Deine letzten Salons haben, so sagt man, Deine neue Kunst 
gezeigt, und um diese will ich schreiben.(283) Habe ich etwas Böses über Deine ältere 
Kunst gesagt, so gilt das nicht Dir allein, sondern auch mir und allen andern 
Mittätern. 
Du darfst nichts Schlechtes über den Symbolismus sagen, da Du doch selbst mit 
einem Bein in ihm stehst und wo doch Chavannes,(284) zu dessen Partei Du gehörst, 
ihn so schön repräsentiert. Champ de Mars ist eine Partei gegen Champ Elysées; 
Ein Theâtre Libre, das Neues hervorlockt und dort bist Du schon zuhause...(285) 
Nun ich denke, Du setzt meine Ansichten über Kunst ziemlich tief und ich verlasse 
diesen Stoff  ohne ihn zu vermissen. 
Was meinen Brief hervorbrachte, war etwas Schlimmeres. Lange habe ich von etwas 
reden gehört, das Okkultismus genannt wird, Studium aller der Phänomene, die 
man nicht leugnen konnte, aber auch nicht erklären. Vor einem Jahr nahm ich mich 
des Stoffes, vollkommen skeptisch, an. bemerkte doch bald am Anfang, in der Sache 
war  etwas dran. Warf mich tiefer in den Stoff und als alles sich bestätigte, hörte ich 
auf Okkultist zu werden; was soll heißen: ich erhielt faktischen Beweis durch die 
Naturwissenschaften, daß die Seele die Hauptsache war, das Materielle nur eine 
zufällige Hülle, daß wir unsterblich waren, geschaffen, gesteuert nach einem 
gewissen Plan etc. alles alte bekannte Sachen. 
Um darüber nachzudenken, zog ich mich in die Einsamkeit zurück;  und verlöetzte 
damit viele, die falsche Gerüchte in Umlauf setzten, welche sofort von allen, die 
gegen mich Groll hatten, benutzt wurden. 
Kürzlich: Neulich, eines schönen Tages  im Juni, kamen die Schwester mit dem 
Schwager hierher, ohne ihre Ankunft vorher angekündigt zu haben. Sie schauten am 
Anfang etwas merkwürdig drein aber nach sechs Stunden Reden und Getränken, 
wurde ich beglückwünscht, daß  - ich klug war! Und so reisten sie wieder ab! 
Aber die Urheber dieses neuen Irrenanstaltsattentates  hatten es anders 
ausgerechnet, und nun begannen sie mit eignen Kabalen, um mich zu einem 
Wutausbruch zu bringen und damit eingesperrt. Ein Agent wurde in mein Hotel 
gesetzt und versuchte mit allen diesen Kleinschikanen mich zu einer Szene zu 
quälen; aber meine neue Philosophie  oder Religion  gibt mir die nötige Ruhe  und 
ich entgehe allen Fallstricken. 
Doch als man schließlich meinen Nachtschlaf störte,  fürchtete ich meinen Jähzorn, 
wurde nervös und flüchtete. 
Welche Interessen treiben diese Intriganten und wer sind sie? Schwer zu sagen, 
denn viele Interessen haben sich hier zusammengetan. 
 Die Mächtigste ist sicher die Donaupartei, denn so wie diese meine Ehe 
unauflösbar zu sein schein, kann man mich als Erbe nicht loswerden, falls man 
nicht mich für unmündig erklären läßt, was nur über den Irrenhausweg geht. 
Sicher bin ich noch nicht, denn mit Geld kann man lang kommen. Jetzt habe ich 
resigniert, erwarte die Häscher und werde das als eine interessante Studie nehmen, 
eine Prüfung, ein Schicksal und nicht mehr fliehen, denn fliehe ich , sagt man, ich 
habe Verfolgungsmanie und setzt mich fest im Namen der Barmherzigkeit. 
Wenn Du also nun in der Zeitung siehst oder hörst, ich sei verrückt geworden, so 
sei überzeugt davon, daß ich klug bin. Und das mindestens ein paar Verbrechen 
verborgen werden sollen. 
Eine Sache, die mir nicht ganz klar ist, ob die Gretorsche Bilderfälschung hier  eine 
Rolle spielt. 
Du erinnerst Dich doch, wie ich durch einen Zufall in seine Geheimnisse Einblick 
bekam (sein Rembrandt, seine Werkstatt in Passy etc). Als das Berliner  Museum 
seinen Rembrandt kaufte und der Direktor den Abschied bekam, da sagte ich: Das 
ist Gretor, amer machte keine Anmeldung, denn ich hatte Anlaß, zu glauben, meine 
Frau wäre Komplize beim Kauf gewesen.(286) 
Als ich dann sah, wie das Museum in Pest mit einem falschen Rafael beglückt 
wurde und der Museumsdirektor verrückt wurde, auch dann schwieg ich. 
Als dann hier in Paris im Fühjahr ein Rubens herauskam, schwieg ich immer 
noch..............nun durchfuhr mich panischer Schreck, denn kommt die Sache ans 
Licht, werde ich festgenommen, da die Concierge in Passy bezeugen kann, daß ich 
für Herrn Gretor verkauft und gemalt habe. Man befürchtet wohl sowas und daß ich 
dann erzähle, was ich weiß! 
Es wird behauptet, Gretor besitze in diesem Augenblick eine Million, ohne daß 
jemand weiß, wo er es hat. Aber er hat einen Feind, der auf ihn lauert und der 
plötzlich zuschlagen kann. 
Die Situation ist wie Du siehst - - - 
 
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An Torsten Hedlund
Brief Nummer 93
  Ystad, den 12.August 1896
 Werter Herr Torsten Hedlund,
Ich brach die Korrespondenz aus vielen Gründen ab, hauptsächlich, weil ich 
glaubte, meine Briefe würden hier geöffnet.(287) Mit diesen gehe ich zu Fuß zur 
nächsten Station. 
Ein Wort:  haben Sie irgend eine Ahnung, wie ich nach Ystad gekommen bin und 
warum? Welche Mächte  mich hierher trieben? Hellseherisch fand ich das 
schließlich, denn das, was in meiner Seele passiert und außerhalb, wagte ich nicht 
aufs Papier zu bannen. morgen ist der Dreizehnte!  Falls ich über diesen Tag 
komme, bitte ich Sie zu treffen. Setzen Sie mich in die möglichkeit den Platz zu 
wechseln, denn das ist notwendig! 
  Ihr 
                                       August Strindberg. 
Heute ist der 14. August. Die Nacht war unruhig, aber sie ging vorüber. - Eine 
Totenstille, Überdruß, der alle Initiative lähmt, schießt sich um mich. Ich bin hier, 
ohne zu wissen, wie ich hierher gekommen bin und frage mich: was soll ich hier 
machen? 
Alles ist mir  fremd. Den Büchern und Kleidern  beraubt, mit den Wurzeln 
herausgezogen, verdorre ich, schlafe ich ein. Alles, was ich sage, wird als 
Verrücktheit niedergeschlagen; ich höre auf zu sprechen! 
Und vor drei Wochen war ich gesund, lebenslustig,hoffnungsvoll. Was ist 
geschehen? 
Ich will über das Alles ein Buch schreiben, um mich von allem zu befreien, aber 
hier kann ich das nicht, denn ich weiß nicht, wo ich bin! 
Ich würde meine Korrespondenz mit Ihnen fortsetzen, aber wage es nicht. Schreiben 
Sie an mir! Und sagen Sie Ihre Meinung, über das, was geschen ist! 
Ich habe in der letzten INITIATION(288) einen Aufsatz über das Ausstrahlungs- und die 
Ausstreckungsmöglichkeit der Seele abgedruckt und vielleicht mehr gesagt als ich 
davon wußte. 
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An Torsten Hedlund
Brief Nummer 94
   Ystad, 18.August 1896
Werter Herr Torsten Hedlund
Zwischen dem 13. und dem 14. scheint in meinem Leben ein Wendepunkt 
eingetreten zu sein, ohne daß ich beschreiben kann, inwiefern oder warum. Gestern 
empfing ich nämlich einen Brief, der da gechrieben worden war und wurde dadurch 
zum Leben zurück gerufen.(289) Aber damit mußte ich von der Wissenschaft Abschied 
nehmen - für eine Weile. 
Ich wurde wie ein Schiffsbrüchiger an diese Küste unter dem Großen Bären 
geschleudert, ohne zu wissen, wie ich hierher kam und nun sitze ich und frage: wie 
kam ich hierher? Was soll ich hier tun? 
Nun also Ihren Brief! 
Doch, ich vertraute auf die Macht, die mein Schicksal gesteuert, vertraute bis ins 
letzte, aber ich glaubte, er war böse auf mich und hatte das Bestrafungswerkzeug 
losgelassen und dieser Glaube  ließ mich resignieren, mit Furcht und 
Zähneklappern. 
Von der letzten Krise, die ich durchlitten, habe ich Ihnen nicht berichtet, werde es 
aber in einem Buch   -  Roman, wenn Sie es so nennen wollen. Glaube, wir stehen 
näher zueinander nun als früher - aber - aber ... 
Glaubte, ich werde bestraft, entweder weil ich im Verborgenen forschte, aber das 
hat die Wissenschaft immer getan, wenn auch nicht immer ungestraft; oder weil ich 
versuchte mich den "Unbelohnten Anstrengungen" des Lebens zu entziehen und weil 
ich mich der Bindungen, die mich an die Menschen und den festen Boden fesselten, 
zu befreien versuchte;  fesselten!  - Ha! 
Ich war oft während meiner Untersuchungen auf die Hand gestoßen, die meine 
Papiere durcheinander warf, meine Lösungen trübte, und einmal sah ich ein 
grinsendes Gesicht auf einem Kohlestück im Reagenzglas, mir narrend die Zunge 
entgegenstreckend. Aber ich begann den Versuch von Anfang an und sagte zu mir: 
das ist der Feind, der überwunden werden muß. 
Ich verlasse deshalb, auf Probe, die Naturwissenschaften, aber als Erinnerung 
bitte ich Sie, diese drei Blätter,(290) die ich sende, in 100 Exemplaren zu drucken, 
damit ich nicht in 100 Briefen dieselbe Sache schreiben muß, bei Anfragen und weil 
ich einen Beweis dafür haben will, daß ich nicht verrückt war, als ich glaubte, ich 
mache Gold. 
  
Schreiben Sie mir wenn Sie Zeit haben, denn ich habe Recht dazu, mißtrauisch zu 
sein, und Grund genug 
   Ihr
    August  Strindberg
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An Karin, Greta und Hans Strindberg.
Brief  Nummer 95
  Ystad, d.19.August 1896
 Liebe Kinder,
Nach Ystad heimgekommen, um meine Gesundheit zu pflegen, habe ich Eure Briefe 
empfangen. Selbst Bettler kann ich nicht für Euch betteln, und meine Arbeit wird 
nicht bezahlt. 
Daß Ihr an Snoilsky geschrieben habt, bevor ich Tod  bin,(291) fand ich etwas übereilt, 
aber wenn man notleidend ist, wird vieles entschuldbar. 
Zum vorigen Brief habe ich im Augenblick nichts hinzuzufügen und das kann kaum 
mißverstanden werden. Versteckt diesen Brief  und benutzt ihn, wenn es an der Zeit 
ist. 
[---] 
Ich habe nicht einmal das Geld, ein Hemd zu kaufen; verlaßt Euch deshalb nicht 
auf mich, sondern versucht - etwas selbst zu machen! 
Ich bin sehr krank gewesen, aber bin nun besser. 
Lebt wohl! Briefe erreichen mich über Ystad. Passiert mir etwas Gutes, so werdet 
Ihr von mir hören. 
         Der Freund
           August.
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An Torsten Hedlund
Brief Nummer 96
   Ystad d. 20.August 1896
 Werter Herr Torsten Hedlund
. 
Ihr gestriger Brief(292) hat sich offenbar mit meinem von Vorgestern gekreuzt und ist 
also in der Hauptsache beantwortet, außer daß meine ganze Korrespondenz mit 
Ihnen eine Antwort ausmacht. 
[---]
Daß ich versunken war in meinem egoistischen Genuß des Anwachsens meines 
Egos, daß ich meine Arbeit versäumt und mich dieser entzogen hatte, daß ich 
Bindungen zerrissen habe, die nicht gebrochen werden durften, und daß mein erster 
Schritt zur Aussöhnung mit dem Leben  und den Mächten, die Wiederaufnahme des 
Jochs  wäre, Arbeiten fürs Brot, und zu versuchen, es für die zu erwerben, die ich 
zur Welt gebracht habe und die in Not sich befinden. 
Jetzt sich in einen organisierten Kampf  zu werfen, wo ich gerade verletzt aus einem 
Gefecht, so heftig, wie ich es nicht vorher erlebt habe,  getragen worden bin, dazu 
mangelt es an Kraft - noch. 
Sie überschätzen mich, wenn Sie mich als Prophet haben wollen. Ich habe keine 
Berufung, aber habe manchmal das Gefühl, ein Prediger in der Wüste zu sein, 
dessen meiste Worte in den trocknen Sand fallen und der mit dem Kopf auf dem 
Silberteller enden wird. Außerdem meinen Sie, mein bisheriges Leben eignet sich 
dazu, einen Strafprediger und Sittenlehrer hervorzubringen? Ich nicht! 
Mögen Kreuzzüge über die Welt gehen, ich werde mithelfen, aber auf dem kleinen 
Gebiet, wo ich zuhause bin, und ich will die Flaggen im vollen Sonnenschein 
ausgewickelt sehen, bevor ich jemanden beschwöre. 
Sie kennen nicht meine letzte Entwicklung; Sie wissen nicht, daß ich eines Tages 
keinen Trost mehr in Jobs Buch fand, denn mir kam die Erleuchtung, ich sei kein 
Job; kein rechtfertiger Mann, der geprüft werden sollte, sondern ich war ein 
Räuber, der ans Kreuz geraten ist, weil seine Taten es verdienten und  bestraft 
werden sollten. 
Sie glauben, ich habe meine Selbstsüchtigkeit beibehalten - und ich sage Ihnen: 
Das ist nicht so. Doch ich muß anfangen zu geben, vielleicht meine Person denen 
opfern, die von der Natur mir zum Leben gegeben worden sind. Und ich muß eine 
Möglichkeit finden, so wie Sie es tun, meine Person zu teilen, in einen nüchternen, 
ordentlichen Arbeiter und daneben, wenn die Ressourcen ausreichen, einen 
schweigenden, esoterischen Übermenschen, der am Rande des Feldes wächst. Ich 
bitte Sie, gerade weil ich Nahrung aus Ihrer Hand genommen und weil ich von 
Ihnen Ermunterung in der Anstrengung erfahren habe, Ihr erzieherischer Unwille 
in der Stunde des  Übermutes, brachte mich dazu meine zerlumpten Reste der Seele 
und des Körpers zusammen zu suchen; ließ mich zuerst den Kreuzzug gegen mein 
altes Ich aufnehmen, dann werde ich der Fahne folgen, vorausgesetzt sie ist weiß. 
Wird sie geführt von einer Jeanne d'Arc, hierher gesandt, um die Männer zu 
beschämen, für deren Verfall oder um deren Ambition zu wecken, das soll mich 
nicht hindern, - aber das glauben Sie nicht. 
  
Übrigens, rein praktisch! Die Gnadenzeit ist ja zuende;  die Landstraße steht dem 
Bettler nicht mehr offen, und mit dem letzten Gold gehe an die Arbeit - für das 
Brot! Wenn es nun das letzte Mal ist, sage ich Ihnen meinen Dank, daß Sie mir ein großes 
Stück auf meinem Weg  in meiner Entwicklung geholfen haben. 
Mein Gefühl sagt mir, wir sollten einander nun nicht sehen(293) - wir haben das Beste 
unserer Personen gegeben, und das Schlechtere oder Geringere verstecken wir für 
uns selbst oder für die Geringeren. 
                         Ihr
             August Strindberg
P.S. Wann darf ich Exemplare des "Jardin des Plantes 2 " erwarten? Falls Sie nicht 
den "Faluprozessen" drucken, bitte ich Sie das Manuskript zurück zu senden! 
Glauben Sie nicht die Korrespondenz werde jetzt abgebrochen! 
  
 
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An Marie Uhl   (Original Deutsch)
Brief Nummer 97
 
   Ystad   22.August 1896
 Sehr Verehrte und teure Großmutter,

Du gibst mir deine Hand,(294) und ich drücke Sie als Zeichen von Versöhnung und 
Verzeihung für meine Rücksichtslosigkeit, da ich ein grosses Ziel  erreichen suchte. 

Grüss Dir Gott, Dir und die Deine.
                       August.
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An Frida Uhl   (Original Deutsch)
Brief Nummer 98
   Ystad d. 23.August 1896
 Liebes,

Ich muss unter allen Umständen nach Süden und Gebirgen; ich muss mit Madame 
Prager Abrede machen, Freunde in München und Salzburgischen suchen, und was 
ist denn natürlicher als ich Dich und Kind sehe.(295) Aber ich komme nicht in deinem 
Haus als Besitzer deiner Person!  Ich komme als fahrender Schüler und nehme 
Hotel in ihrer Nähe. Ist es so möglich neutraliter zu verkehren so bleibe ich im Ort 
zu arbeiten. Ich will nur Hausfreund bei Dir und der Kleine sein, und Du muss 
wissen voraus dass ohne irgend welche Forderungen oder Illusionen zu Dir komme, 
dass Du mich nicht vom Neuen zu hassen anfängst. 
Es ist ja möglich dass unsere Personen durch diese zwei Jahre einander 
unsympatisch geworden sind. Wer weiss? Und so getrennte Haushaltung dass wir 
nicht wieder in Händel über Bagatellen rathen. 
Finde ich dass meine Anwesenheit dir unangenehm ist so gehe ich nach den 
Bayerischen Seen zu überwintern, denn hier und in Paris ersticke ich. 
Willst Du vielleicht dass ich mich in Clam setze? So wird es wahrscheinlich mehr 
gearbeitet und die Besuche nicht allzu in Müssiggängerei verwandelt. 
Die Kleine muss ja Hauptperson sein, und sie ist ja thatsächlich das Band, das 
unsere Band anoblirt! 
Jetzt weisst Du dass ich bald in deiner Nähe bin. Und ich komme nicht ohne meinen 
Besuch voraus zu annoncieren, Dir alle Rechte vorbehalten. 
Und sehen wir uns: keine Abrechnung, keine Vorwurfe. 

Ist's so recht?
                           August
P.S. Passiere ich Wien, suche ich Niemand deiner Verwandten. Passiere ich
Dornach ebenso.
Sei also ruhig!
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August Strindberg in den 90er Jahren
des vorigen Jahrhunderts
 
 
 
 
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An Torsten Hedlund.
Brief Nummer 99
   Ystad: 23. August 1896
 Werter Herr Torsten Hedlund,

Verzeihen Sie diesen Brief, aber ich mußte ihn schreiben. 
Kürzlich haben Sie gefragt, ob ich Geld habe. Ich antwortete, daß ich auch in 
dieser Hinsicht bankrott bin. Sie hatten weiter berichtet, es gäbe noch etwas Geld 
bei Ihnen. 
Möchten Sie mir dies geben, so werde ich meine Gesundheit wiedergewinnen, die 
Arbeit wieder aufnehmen und versuchen, mich selbst zu versorgen. 
Das Gepäck in Paris scheint verloren, einschließlich der Manuskripte, am liebsten 
will ich nichts verlieren - nun da ich alles wieder richten will, soweit es nicht zu 
spät ist. 
Ich ersticke immer noch und muß zu den Bergen und der Sonne, um Atmen zu 
können. Das Meer haßt mich nunmehr! 
Eine andere Sache! Sie sagten neulich, man suche: 

  den Zola des Okkultismus.
Da fühle ich einen Ruf. Aber im großen hohen Tone. Ein Poem auf Prosa: genannt 
                                    Inferno.
Das gleiche Thema wie in "An offener See".(296) Der Untergang des Individuums, 
wenn es sich isoliert. Die Rettung durch: Arbeit ohne Ehre oder Gold, die Pflicht, 
die Familie, also - die Frau - die Mutter und das Kind! 
Resignation durch die Entdeckung, daß jedem sein Platz durch die Vorsehung 
gegeben worden ist. 
Reflektieren! Aber heimlich halten! 
"Wir" haben alle das Irrenhaus vor uns!
           Ihr
   August Strindberg
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An Anders Eliasson.
Brief Nummer 100
   8.Sept. 1896
 Lieber Elias
Auf deutschen Boden erfuhr ich durch eine Zeitung, daß ein neugebautes Deutsches 
Theater in München mit meinem Stück "Fordringegare"(Der Gläubiger) eröffnen 
wird. Das ändert etwas die Situation und auch zu meinem Vorteil. Ich bitte Dich 
deshalb, sei so gut und sende als Frachtgut, unbezahlt, zuerst die kleine Kiste, die 
ich zurückließ, mit  dem Chemiemanuskripten und lege dazu das Französische 
Lexikon.(297) 
Sollte einige andre Kisten von Paris eingetroffen sein, mögen sie nachfolgen. 
So übersende ich Dir hiermit "Die Goldsynthese",(298) um sie Bekannten und 
Unbekannten zu präsentieren. 
In der Sorbonne disputierte ein Doktor neulich über den Alchemisten Arnaud de 
Villeneuve, und seine Abhandlung wurde in der L'INITIATION  besprochen, wo 
man meine Goldmacherei gemocht hatte, und wo ausgeführt wurde, daß es durch 
Dr med. Encausse, ehemaliger Chef  de laboratoire an la Charité, probiert und 
wiederholt worden ist.(299) Und er behauptet, ich arbeite nach den Prinzipien der 
Alchemie. So, dann ist die Gefahr Gold zu machen nicht mehr so groß - in Nicht- 
Schweden. 
Nordenskiöld ist still! 
Hier fand ich, außer Bibliothek und Laboratorium ungefähr 1.000 Seiten 
Naturwissenschaft, meist Chemie im Manuskript. Denke Dir, Scylla zu treffen wenn 
ich gerade Charybdis geflohen bin! Und in Paris liegen 700 Seiten -, in Ystad 700 
= Summa Summarum 2.400. 
In meinen Manuskripten hier habe ich Entdeckungen gemacht - Spuren 
wiedergefunden, die mir neue Klarheiten und Bekräftigungen. Aber immer noch 
weiß ich nicht, was das Atomgewicht bedeutet. 
[---]
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An Mathilde Prager
Brief Nummer 101
  Klam bei Grein, Ober-Oestreich
   8.September 1896.
 Hochverehrte Dame,

Auch dieses Mal will das Schicksal nicht, daß wir einander treffen, verboten aus 
gesundheitlichen und anderen Gründen. Was nun das Stück betrifft, weiß ich nicht, 
ob es ihre Übersetzung(300) ist; weiß ich nicht (oder kann mich nicht erinnern), ob 
Bloch(301) oder ein andrer Agent es hat; aber ich glaube, daß ich es für uns gerettet 
hatte. 
Unter allen Umständen glaube ich, es ist besser, gespielt zu werden, auch ohne 
Geld zu bekommen, als garnicht gespielt zu werden, deshalb ist es wohl besser, 
meiner Ansicht nach, das Deutsche Theater, bis zur Aufführung, in Ruhe zu lassen, 
denn es ist ja eine große Ehre, das neue Theater eröffnen zu dürfen! 
Außerdem hat meine Ehefrau vom Schliersee hierher geschrieben, daß sie nach 
München reisen werde, um eine Repetition zu überwachen und zu sehen, daß alles 
recht zugeht. 
Durch sie werden wir erfahren, ob es Ihre Übersetzung ist, und all das andre. 
Da Sie meine Dame sich für meine Chemie interessieren, übersende ich Ihnen 
meine "Guldsynthes"(Die Synthese des Goldes) mit Probe. Und will nur ergänzen, 
daß diese Proben von Chemie-Freunden in Frankreich und Schweden anerkannt 
worden sind. 
Sollte es Sie interessieren, die Wahrheit zu wissen, und hätten Sie irgendwelche 
Beziehungen zu Chemikern (Dr.Exners Bureau), gäbe es Gründe, eine Übersetzung 
zu riskieren - es sind nur wenige Seiten und man könnte es in einer Fachzeitschrift 
unterbringen. Schlimmstenfalls erführe man, was für  Stoff dieses gelbe Metall 
eigentlich ist, bisher unbekannt. 
In Hoffnung, Ihnen bald gute Nachrichten aus München mitteilen zu können 

  Mit besonderer Hochachtung
   August Strindberg
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An Frida Uhl  (Original Deutsch)
Brief Nummer 102
   Saxen (in deinem Zimmer)
      d. 11.September 1896
 Liebes.

"A coeurs vaillants rien d'impossible!"(302) 
Nach zehn Tagen Rossbändereien und Höllenkampf ganz ruhig ist alles gut 
geworden. 
Grossmutter hat ihren gottlosen Eid zurückgeschworen,(303) da ich meinen Eid in 
Helgoland entge[ge]nstellte; Sie hat ihre 100 fl. von mir bekommen(304) und sagt dass 
Sie jetztmehr blind und taub uns gegenüber ist. 
Schwiegervater in Wien ist entzückt und hat Mutter sogar ein Geldlein gesandt; 
meinetwegen. Mutter ist lieb wie immer. In Tante Melanies Rothen Zimmer 
(Rosenrothen)(305) wohnte ich acht Tagen und sie hat mein Herz gewonnen, vielleicht 
ich ihr auch.(?) Tante Dieh (Thiel?)(306) habe ich geküsst(307); mit ihr ganz Klam 
durchkneipt vom Schlossbräu bis unten. Sie war von einer Liebenswürdigkeit  und 
Discretion die unerwartet war. 
Kersti war schwerst zu erobern, und Sie hatte ja Recht, aber jetzt ist Sie gezähmt 
durch Liebe und hat mich gern. Sie kann schon "Ich" sagen und weiss alles 
trotzdem Sie nicht sieben und vierzig Jahre alt ist. 
Ihr Erziehung in Freiheit und ohne Kleinigkeiten gefallt mir. 
Vorgestern abends ging ich Sie suchen. 
In der Ferne auf einer Wiese sah ich Sie allein(scheinbar)(308) mitten in einer Herde 
von Jungen weissen Stieren, die Sie mit der grosse Wächter-Peitsche trieb. Ich 
bekam Angst, lief dahin, aber Sie hatte keinen Angst, nur die Stiere hatten's. Diese 
Scene vergesse ich nie! À coeurs vaillants rien  d'Impossible Stierenbänderin! - 
Also warten wir die natürliche ruhige Entwicklung der Situation! 

   Dein Gatte
   (in expectans)
              August.
Lass das Geld! Ich habe mein Zimmer und Bedienung selbst bezahlt, und Mutter
sogar ein kleines Vorschuss gegeben!
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An Frida Uhl
Brief Nummer 103
  [Zirka 20.September 1896]
 Frida,

So bin ich wieder in diese verwünschte Geschäftskorrespondenz(309) verwickelt und 
breche kurz ab. Ich kann nicht antworten, weil ich nichts weiss, habe mit Absicht 
vergessen. Habe jedoch eine Erinnerung, als hätte ich die "Gläubiger" verkauft und 
als hätte Lautenburg(310) aus Rache eine unautorisierte Übersetzung herstellen 
lassen. 
Von Entsch Brief an Frau Prager ausweichend, verdächtig. 
Aber - ich weiss nichts! 
Genug? 
Vorläufig gehe ich nicht von Saxen fort, da ich krank bin. Habe heute Nacht zwei 
Stunden gehustet; habe "Nonnengeräusch" (bruit du diable) höre die Weltmächte 
summen, möchte aber gern heitere klare Bergluft atmen, da hier die Nebel konstant 
sind. 
Uebermorgen sende ich Frau Porges die 100 Mk, die ich in Hamburg von ihr 
geliehen habe,(311) mit Brief. Bitte um ihre Adresse! Hasst Du sie schon bezahlt, so 
musst Du die 100 Mk bekommen. ich brauche sie nicht! Und ich möchte diese kleine 
Ehrenrettung vor den Porges haben. Wir hatten die Absicht, nach Klam zu gehen, 
aber Grossmutter in Dornach verlangt oft nach Deiner Mutter;  und wir sind hier 
neutral  und ziemlich unabhängig von einander.(312) 
"Band" und "Bengt" gehen ab.(313) 
Artikel für "Sphinx" war meine Goldsynthese, die Frau Prager jetzt übersetzt.(314) 

                          August.
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August Strindberg verbrachte gerne die Sommermonate in den schwedischen Schären malend und schreibend!
Hier ein Bild aus den Neunziger Jahren.
 
 
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An Frida Uhl
Brief Nummer 104
   21.September 1896
 Frieda,
Geld von Schweden und Porges Adresse wartend bitte ich gef. das Du mir in
München diese Bücher auf Reclams Univ. Bibliothek oder andere Klassische
Wohlfeile Bibl. kaufe:
 Die Edda.
 Dante: Inferno.
 Righveda.
 Hesiodus.  (nicht Herodotus!)
Sammt von
      Webers illustrierte Katechismen:
 Mythologie von Dr E Krober.
       Gibt es noch:
 Brüder Grimms Märchen illustriert -
wäre es sehr lieb.(315)
Hier scheint Neues geschehen.
Tant Melanie geht nach Wien für den Winter och giebt mir Ihr Wohnung in Klam.
Mutter geht nach Klam weil Ihr Saxen verhasst ist.
Wahrscheinlich bleibe ich Ober-Oestereicher für den Winter.
Kerstin ist gesund und guter Laune.
                       August.
Erzähl mir die Wahrheit von der Geschichte des Polen Pzby, der  verhaftet wegen
Mord auf Frau und Kinder. Welche Frau?(316)
Die Frage hat ein spezielles hohes interesse für mich. er hat nämlich mein Leben
gedroht und ich habe Warnung von Munch und Andere erhalten.
Er vergiftet mit Gaz!
Ich fürchte nicht, aber es ist interressant! Hoch!


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