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Brief Nr. 2 Brief Nr. 3 Brief Nr. 4-8 Brief Nr. 9-17 Brief Nr. 18-36 Brief Nr. 37-46 Brief Nr. 47-62 Brief Nr. 63-67 Brief Nr. 68-91 Brief Nr. 92-104 Brief Nr. 105-131 Zu den letzten Briefen Zur Literatur von und über August Strindberg
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Der Briefwechsel mit Siri von Essen wurde
nach der Rückkehr von Dalarö immer umfangreicher und intensiver.
Heute Nacht zwölf Uhr
fünfzehn
November Fünfundsiebzig
Ich muß Sie noch besuchen, bevor ich
mich schlafen legen werde. Natürlich kam ichgestern nicht(78)!
Das war vielleicht mein Glück, denn Stråle(79)
will auch sein Porzellanmuseum katalogisiert haben, nachdem er mein Interesse
(ein so häßliches Wort!) für Porzellan(80)
erfahren hatte, welches (nämlich das Interesse) ich denAbend bekam,
als M:lle Garibaldi(81), den Namen
habe ich vergessen, mich auf die Vasen Ihrer Gnaden stauchte! Indessen
fing ich gestern um fünf Uhr an und saßdort bis gegen neun,
es handelt sich um eine sehr feierliche Arbeit und würde unter anderenUmständen
als Selbstmord betrachtet werden.
Wissen Sie, was Kustoden sind?(82) Sie werden es sogleich sehen, wenn ich dieses Blatt wende. Diese werde ich kollationieren, will sagen, ich werde in den Folianten die Seiten zählen - aber ich habe Teppiche auf dem Boden und ich wohne wie ein Fürst, die Stunden, die ich dort bin - Zwei Frauenzimmerstimmen habe ich aus den Zimmern gehört, eine war sehr jung - kann unter zwanzig Jahre sein - Der Alte macht den Eindruck eines gelehrten Gentlemans (verzeiht das Wort!). Ich passierte Drottningsgatan vierundvierzig(83) rund halbzehn und hatte das Vergnügen Ida zu sehen, wenn nicht mein brilliantes Gedächtnis mich in Stich läßt, so heißt wohl das Dienstmädchen Ihrer Gnaden so, im roten Herzwärmer zum Kräuterladen eilend - es leuchtete in zwei Fenstern - ich schickte einen Gruß zu Ihnen! Heute abend habe ich an M.O. bis 10 Uhr geschrieben. Christina wird immer dunkler, was wohl ratsam ist, denn bald weiß ich nicht mehr, wie ich eine so undramatische Figur wie ein Weibsbild behandeln soll - ich habe alle möglichen Hilfsbücher angewendet, die in der K.Bibliothek zu finden sind, aber eigentlich steht nichts über sie darin oder die Angaben sind so widersprüchlich - wie in der Wirklichkeit! M.O. schickt Ihnen hiermit seine Karte(84), weil er keinen Besuch vor Samstag machen kann, aber dann! Die Freifrau glaubt, ich hatte vergessen, etwas wegen der Übersetzung zu unternehmen! Absolut niocht! Ich habe gerade mit meinem vierundfünfzigjährigen einzigen guten Freund(85) drei Gläser getrunken, um die Sache in Gang zu kriegen! Das Norwegische(86) war bei drei Stellen und soll wahrscheinlich zu einer dritten kommen. Außerdem - u.s.w.! Wenn ich am wenigsten rede, denke ich am meisten und handle desto mehr. Z.B. war ich nicht so vorwitzig, was sicher verziehen worden wäre, die Freifrau nach der letzten finnischen Post zu fragen. Das werde ich nicht tun! gemacht ist!(87) In dieser Zeit der unsteten und stürmisch pochenden Jugend schrieb August Strindberg sein erstes Meisterwerk, das aber von den maßgebenden Theatern abgewiesen und daraufhin von Strindberg immer wieder umgearbeitet wurde. "Mäster Olof" (Meister Olof) schildert, wie der Reformator Schwedens am Samstag vor Pfingsten im Dom zu Strängnäs plötzlich seine Berufung zur Reformation der Kirche erlebt, wie er die ersten Kämpfe mit den katholischen Bischöfen durchsteht, und wie er schließlich der Prediger des Königs Gustav Wasa wird. Aber auch in der eignen Familie, gegen die fromme Mutter muß er kämpfen, und er muß erleben, wie der Kirchenstreit seine Liebe zu der jungen Christina beeinträchtigt; um sich auf Anstiftung des fanatischen Wiedertäufers Gert sogar gegen den König zu verschwören. Nach Vorarbeiten 1871, schrieb Strindberg die erste Version, in Prosa, im Sommer 1872 auf Kymmendö fertig; welche aber vom Dramatischen Theater refüsiert wurde. Er kam mit einer neuen Version zur Einweihung des Nya Teatern, 1874, erfuhr jedoch erneut eine Enttäuschung. Alsbald schrieb er eine neue Version, diesmal 1876, in Versen - doch verhinderten die herrschenden Kritiker ein Aufführen auf Jahre - erst als Strindberg durch das "Rote Zimmer" ein landesweit bekannter Autor wurde, wurde die erste Prosafassung angenommen und erlebte die erste Aufführung am 30.Dezember 1881 auf dem NYA TEATERN, welche ein voller Erfolg war. Die Versauflage konnte in einer noch immer berühmten Aufführung im Frühjahr 1890 am DRAMATISKA TEATERN ihre Premiere erleben. [18.] November
75.
Wenn man mit dem Porzellanmanufakturdisponenten Stråle verheiratet wäre! Was für ein Leben! Jetzt geht sie und schaut auf das Barometer und spielt dann Beethoven, sie sollte Prügel bekommen. Sie darf alle diese Bücher lesen ohne die Seiten zu zählen! Warum tut sie das nicht! Das Aas! Nun muß ich mich endlich M.O. zuwenden. Er kommt zerschlagen vom Prediktstuhl und sie haben sich schon umarmt(88). Nun werden sie sich küssen, aber ich weiß nicht, ob es sich schickt, sie es so schlüpfrig in einer Sakristei treiben zu lassen. Einen soll sie bekommen, dann kann er sie gehen lassen. Sie dürfen nicht gehen und mich draußen treffen, bevor ich nicht meinen Hut hab reparieren lassen! Daß ich diese Woche mich nicht eine Stunde um Sie kümmern kann, obwohl ich so fleißig war. Wenn ich nur wüßte, was für ein Fest Sie geben wollen! Wenn es privat für Verwandte ist, habe ich nichts da zu suchen und das schlimmste von allem ist; Sie wollen nicht sagen: Komme nicht! Das könnten Sie für mich tun! Ich kann Sie nie mißverstehen! Andererseits möchte ich keineswegs, daß Sie über mich hören müssen, ich sei dumm, könnte nicht sprechen, oder wolle es nicht, was das gleiche wäre, wie wenn ich hochnäsig, langweilig e.t.c. wäre! Und doch möchte ich so gerne lernen, unter Menschen zu sein! Aber was habe ich dort zu suchen: Ich fühle mich nur malträtiert, zurückgesetzt oder so blamiere ich mich; Ich bin immer der jüngste und äußere ich mich, hört niemand zu, dann werde ich böse! Man darf absolut nicht schweigen! Darf ich stattdessen am Sonntag kommen! Aber dann sollen Sie zur Gnädigsten(89)! Das ist aber auch ein Anhang, den Sie von mir erhalten haben! Falls ich am Samstag komme, soll ich dann Frack tragen? ich verspreche, daß ich mich gesittet und ansrändig benehmen werde; wenn es viele Leute sind, geht es mir besser! Sagen Sie es in einem Briefzettel(90) an die Kaptensgatan und nicht an die Königliche Bibliothek, aber sagen Sie es deutlich - ich weiß, daß Sie es so wollen, wie es am besten für mich ist - sonst wage ich nicht mehr, an Sie zu glauben! Die Freifrau muß mir erklären, warum Sie nicht mehr die Übersetzung des Stückes(91) fortsetzen will - ich fange an, zu glauben, daß ich, ungewollt, durch eine Bemerkung dazu Anlaß gegeben habe! Die Freifrau wird, falls das Stück nicht zusammen mit meinem Stück fertig wird, unglücklich werden! Morgen werde ich zu Grönstedt gehen(92). Morgen ist der Namenstag(93) der Freifrau; ich gratuliere so aufrichtig man nur kann zum Namenstag! August Strindberg versuchte auf verschiedene Wege für Siri von Essen Übersetzungsaufträge zu erhalten. [3.Februar 1876]
Lieber Freund! Lassen Sie mich mit ein paar
Worten wissen, wie es mit der lieben Freiin ist! Ich darf wohl mich mal
über Euch sorgen!
Ich habe mit ***(94) gestern über Mme Bovary(95) gesprochen! Er bat um Bedenkzeit und damit ist er nun beschäftigt, versprach, daß er sich an mich auf jeden Fall wenden wird, weil es doch an ordentlichen Übersetzern fehlt! Während dieses Winters verstärkte sich die Zuneigung zwischen August und Siri so stark, bis es schließlich zu komprimittierenden Auftritten kommt, gegen die jedoch Siris Gatte Carl Gustaf Wrangel nichts einzuwenden hatte, war er doch verliebt in eine jüngere Cousine seiner Ehegattin. Nachfolgend ein Brief Strindbergs an seine Schwester Anna Philp über solch einen Zwischenfall. [17.März.1876]
Der Brief kann aus verschiedenen Gründen auf den 17.März 1876 datiert werden. Das Stelldichein, das im Brief erwähnt wird, ist auch im "Geständnis eines Toren" geschildert worden:" Während eines Besuches bei meiner Schwester, bekommt die Freifrau einen hysterischen Anfall. Sie wirft sich aufs Sofa und bricht in Tränen aus. Sie ist erregt über das unwürdige Auftreten ihres Mannes: Er verbringe die Nacht mit Cousine Bébé auf einem Militärball. In einem passionierten Ausbruch drückt sie mich an ihre Brust, küßt mich auf die Stirn und ich gebe ihr Kuß für Kuß zurück." Der Militärball war am 16.März. in einem Brief, datiert 17.März, schreibt Siri von Essen:" Können Sie mir verzeihen? Habe ich das Heim Ihrer Schwester beschmutzt?" (Han och Hon, Seite 122) Stockholm, der 24.März
1876
Es gibt Menschen, die sind als Schurken geboren; ich bin vom Schicksal, an das ich glaube, und auf das ich, nach meiner Ansicht das Recht habe, die Schuld zu legen, zu einem schlechten Menschen geformt werden, der seine Lust darin findet, das Glück anderer Menschen und sein eigenes zu zerstören! Was ich nun in einem Anfall von Bedauern und Scham Ihnen sage, ist wahr. Was ich später sagen werde, ist Lüge! Glauben Sie mir nie, wenn ich sage, ich sei edel und... Auf dem Brief, der nicht fertiggeschrieben wurde, hat Strindberg später verzeichnet: Wie aus dem Brief von Siri von Essen vom 21.März hervorgeht (gedruckt in Han och Hon, Seite 116ff), hatte sie ihren Mann das Liebesverhältnis zu Strindberg eingestanden. [Anfang Juni 1876]
Im Himmel 1000000098 vor Chr.
kleinen Zelle gehe! Ich fühle mich stark wie ein afrikanischer Tiger; ich könnte einen Sprung machen von den Blauen Bergen zum Himalaya; ich fühle mich wie eine Kokospalme am Amazonas; blase Zyklone, daß es in den Anden kracht, und doch will ich hier stehen bleiben, denn zwischen Kolmården und Städjan(97) gibt es eine junge Birke, die ich liebe, und die mich liebt! Liebe mich immer oder ich beiße Dir in die Kehle, daß Rom im Jahre 31
vor der Schlacht bei
Actium!
Wage weiter mich zu lieben oder ich werde Dir einen Korb mit Smyrnafeigen schicken und eine Kreuzotter, eine schwarze mit zitronengelben Ringen um den Augen! Sie wird die rote Purpurquelle unter Deiner linken Brust finden und sich und meine Rache undurstig trinken! Ich wage in diesem Moment den lieben Gott herauszufordern, Gott der Verliebten, gebe Zeugnis ganz ohne Scham! Liebe allzeit Deinen armen kleinen Jungen und Liebhaber! Ich liebe Dich aus vollstem Herzen und deshalb darfst Du mir nicht mehr böse sein! Liebe mich ein kleines bißchen und ich werde nicht mehr unglücklich sein, wie ich es so viele, viele Jahre war. Friede sei mit Dir!
22.November 1877(100)
Mittwoch abend ½10
Uhr
Verzeih, süßer Freund! Gott sei mit Dir! Mich quält diese Unfreundlichkeit mehr als Dich. Schließlich konnte im Verlauf des Jahres 1876 die Ehe zwischen Siri von Essen und Carl Gustaf Wrangel geschieden werden und man konnte folgenden Brief an enge Freunde verschicken: [Dezember 1877]
Am 20.Juni 1876 hatte das Königliche Hofconsistorium die Ehe zwischen Siri und Wrangel aufgelöst. Strindberg hatte vorher, am 19.Mai, triumphierend an Siri mitgeteilt:Jetzt ist der"Meister Olaf "fertig! Hurra! Dieser wird es machen! Jetzt fürchte ich nichts mehr! Doch sowohl das Königliche Theater (KUNGLIGA TEATERN) als auch NYA TEATERN schickten das Werk erneut zurück. Damit legte Strindberg die Theaterpläne fürs erste beiseite. Er plante nun die Herausgabe einer wöchentlichen Kulturzeitschrift mit dem Namen "Gazetten", die jedoch nach einmaligem Erscheinen zu Grabe getragen werden mußte. Die Schuld legte er auf Siri und er selbst führte nun endlich die vorher (Oktober 1875) abgebrochene Frankreichreise durch. Ein Teil der Reise schlug sich im Gedichtzyklus "Landsflyckt" (Exil) nieder, den er 1883 in "Dikter" (Gedichte) herausgab. Nach seiner Rückkehr schrieb er Novellen aus Uppsala, "Från Fjärdingen och Svartbäcken", die im Dezember 1877 bei Albert Bonnier herauskamen und allgemein wohlwollend aufgenommen wurden. Daneben schrieb er zahlreiche Reportagen und Artikel über Kunst und Kultur in Paris, welche u.a. in DAGENS NYHETER erschienen. Am 27. Januar 1877 sollte Siri von Essen Probendebüt machen, und möglicherweise deshalb vernachlässigte sie ihre vierjährige Tochter Sigrid, die sie mit Wrangel zusammen hatte; Sigrid starb am 13.Januar an Gehirntuberkulose. Die Mutter von Siri v. Essen, die das neue Verhältnis mit Strindberg nicht guthieß, legte alle Schuld auf Siri und sprach von Gottesurteil, weil sie die Ehe gebrochen, die Scheidung betrieben habe. Im Juni 1877 wurde Siri von Essen vom königlichen Theater engagiert. Die Eheschließung zwischen August Strindberg und Sigrid (Siri) Elisabeth von Essen brachte am Anfang eine wesentliche ökonomische Verbesserung, er bekam eine etwas verbesserte Position an der Königlichen Bibliothek und Siris Schauspielereinkünfte verstärkten die Haushaltskasse wesentlich; auch brachte die Braut ein nettes kleines Vermögen mit in den gemeinsamen Haushalt. Und doch war die Eheschließung nur eine Rettung von Schande und Unehre, denn die Braut war hochschwanger und gebar am 21.Januar 1878, laut Strindberg, einige Monate zu früh, ein Kind, außerehelich konzipiert, aber in der Ehe geboren, genau so, wie er es fälschlich von sich selbst in seiner Autobiographie behaupten wird. Siri hatte sich scheiden lassen, weil sie Schauspielerin sein wollte, nun war sie gezwungen, die Ehe einzugehen, Familienpflichten auf sich zu nehmen. Doch konnte man nicht, wegen der eignen gesellschaftlichen Position, das Kind offiziell anerkennen, sondern es wurde im Kirchenbuch der Jakobs-Gemeinde in Stockholm als, von unbekannten Eltern geboren, registriert und am Tag seiner Geburt einer Amme übergeben. Zwei Tage danach war es nach Nottaufe verstorben. Stockholm, d.1.Januar 1878
Bester Bruder Warburg!
Ein gutes Neues Jahr! Ich schreibe auf rosarotem Papier, teils weil ich kein andres habe, teils weil ich neuverheiratet bin! Nun beginne ich das neue Jahr mit einer Belastung für Dich! Willst Du so gut sein, und M.Olaf vom Theater(103) zurücknehmen, gelesen oder ungelesen, denn Oskar Lamm meint, es sei nicht unmöglich, daß er es verlegen werde(104), und es kann ja, wenn es gedruckt ist, bevor es in den Buchläden liegt, an die Theaterdirektoren geschickt werden, die ja, wie alle anderen, es schwer haben Manus zu lesen. Das Manuskript, welches das Nya teatern besitzt, ist das Einzige, das es gibt, und Lamm will es so schnell wie möglich lesen, deshalb lieber Bruder, mach mir den großen Dienst, es herauszuholen und schicke es zurück und denk nicht, ich sei so beschwerlich. Jetzt kommt bald China!(105) Freundlichst Strindberg P.S.Habe die Güte, mich mit einem Auftrag zu belasten, so bald Du kommst, so daß ich zeigen kann, daß ich kein undankbarer Hund bin. Hast Du den Abschnitt über M.Olaf im letzten NU-Heft(106) gesehen? Brief an Joseph Josephson (1849-1883), Lehrer, Publizist, Strindbergs Kamerad aus der Uppsala-Zeit und mitbegründer des RUNA-Verbandes(107) Sthm 18.11.78
Es war schön, daß Du nicht mehr Spießbürger bist, wenn Du nur diesen Satans-Heringsduft auslüften könntest; ein gemeinsamer Haß auf Göteborg kann, glaube ich, uns vereinen, obwohl Du in Borås und ich in Stockholm wohne. Habt ihr nicht irgend eine alte Setzerei und eine Druckpresse, so daß Du Deinen Abscheu für diese verdammte Stadt G-g ausdrücken kannst Strindberg hatte also wieder Geld geliehen und versuchte, bis zum Quartalszahltag des staatlichen Bibliothekssaleurs einen Zahlungsaufschubs zu erwirken. Stockholm, d.29.März
1879
Über die Arbeit, wobei nur die erste von drei Abteilungen, die geplant sind, fertig ist, will ich nur erwähnen: daß es nicht böswillig, daß es nicht lebende Personen wiedererkennbar beschreibt, daß es auf der Seite der Getrampelten steht, daß es versucht, die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft gegenüber Literaten aufzuzeigen und in einigen Fällen dessen Rache gegen die Gesellschaft. Durch Karikierung wird die Wahrheit nicht so bitter und was scheinbar Ihre Ansichten stören kann, zum Beispiel die Darstellung eines Bauern, wird weiter hinten korrigiert, wo ich den Helden zur Einsicht kommen lasse, es sei mit der Gesellschaft nicht so schlimm bestellt, wie er glaubte. Eine straffere Komposition habe ich mir nicht gedacht, sondern lasse die Gesellschaft für den Leser passieren durch Darstellung, was der Held, in seiner Eigenschaft als Zeitungsberichterstatter, Gelegenheit hat zu sehen. Und damit übergebe ich meine einzigen reellen Aktiva zur Prüfung und anvertraue deren Schicksal an eine milde Behandlung. Um eine Durchsicht zu erleichtern, habe ich einige Prachstellen markiert. So schrieb Strindberg an den Redakteur von DAGENS NYHETER, der ihm über Jahre hin Schreibaufträge und diverse Vorschüsse beschafft hatte, und legte ihm den Vorabdruck von "Röda Rummet" (Das Rote Zimmer) nahe. Einer breitangelegten Schilderung der Stockholmer Gesellschaft, vom armen malenden Hungerkünstler, vom anerkannten und gehuldigten Literaten bis zum Versicherungsdirektor der Triton-Seeversicherungsaktiengesellschaft, ihren Machenschaften, Rankünen und Vergnügungen, wobei Strindberg seine gesammelten Erfahrungen als Redakteur der Versicherungszeitung und anderer journalistischer Aufträge zupaß gekommen waren, um einen allseitigen Durchblich zu haben. Er nimmt in dem Buch entschieden Stellung gegen Beamtenkungelei, für den freien Künstler, für den kleinen Mann, dabei aber verhöhnt er die erstarkenden Arbeiterorganisationen. Dieses erste richtige Werk des Realismus in der schwedischen Literatur, dessen Personen recht übertrieben wirken und dessen Handlung ziemlich zersplittert ist, war nicht beeinflußt durch Zola, den Strindberg zu diesem Zeitpunkt noch garnicht gelesen hatte. Dieses im Jahre 1879 erschienende Buch war Strindbergs erster richtiger Erfolg und Durchbruch, wenn auch die Kritik es überwiegend bitter aufnahm, während Finnlands führender Kritiker, C.G.Estlander schrieb, daß er ergriffen sei von der Genialität in dieser besonders beachtenswerten Arbeit, wenn er sie auch vom idealistischen Standpunkt ablehnen müsse. Die Leser jedenfalls kauften das Buch in immer neuen Auflagen, bis zum heutigen Tag. Doch war diese Zeit für Strindberg keine glückselige Erntezeit, denn durch das ganze Jahr 1879 schleppte sich der Prozeß seines persönlichen Konkurses hin, verdunkelte sein Familienglück, belastete das Arbeitsvermögen und raubte ihm die Lebenslust, führte ihn zu einer gesellschaftsfeindlichen Einstellung, die sich in späteren Werken böse niederschlug. Stockholm d,9.Dezember 1879
P.S. Falls ich einige Ex der zweiten Auflage bekommen könnte, werde ich sehr dankbar sein.(113) Nach dem Erfolg mit dem "Roten Zimmer" war Strindberg mit einem Schlag in Stockholm berühmt und zum Anführer der jungen Schriftstellergeneration der 80er Jahre auserkoren. Plötzlich war er der Richtungsweiser einer neuen literarischen Bewegung, der kurzzeitig Gustaf af Geijerstam, Tor Hedberg, Axel Lundegård, Victoria Benedictsson (pseud. Ernst Ahlgren) sowie Ola Hanson und Oscar Levertin angehörten. Vom November 1879 bis zum Januar 1880 schrieb Strindberg an "Gillets Hemlighet" ( Das Geheimnis der Gilde), einer Komödie in vier Akten, das, nach dem großen Strindbergkenner Gunnar Ollén, beherrscht wird von einer schweren und schuldvollen Winterstimmung, welche aber zum Ende in Frühling und Versöhnungslicht übergeht. Die Handlung spielt Spätherbst 1402 und im darauffolgenen Frühling und das Motiv liegt im Streit zwischen zwei Baumeistern, wer von ihnen den Bau der Domkirche nach hundertfünfzigjähriger Bauzeit vollenden soll. Auf der Bühne wurde das Stück, trotz interessanter Handlung doch nie ein richtiger Erfolg, auf Grund des zu schwierigen Textes und schwerfälliger Inszenierungen. Dabei wurde das Drama schon am 3.Mai 1880 am Dramatischen Theater aufgeführt mit Siri als Margaretha. Aber schon nach sechs Vorstellungen wurde das Stück abgesetzt. Erst nach der Jahrhundertwende tauchte das Stück erneut auf Stockholmer Bühnen auf. Im Berliner Schiller-Theater erlebte "Das Geheimnis der Gilde" seine deutsche Premiere im Januar 1903. Zur gleichen Zeit arbeitete August Strindberg an "Kulturhistoriska Studier", die 1881 herauskamen und zusammen mit Clas Lundin gab er kulturgeschichtliche Aufzeichnungen aus dem alten Stockholm, unter dem Titel "Gamla Stockholm", heraus. Nach dem literarischen Durchbruch fand Strindbergs Schaffen auch Interesse im Ausland. So schrieb z.B. Edvard Brandes (1847-1931), dänischer Verfasser, Publizist und Politiker; und lobte das "Rote Zimmer" und erwünschte Informationen über Strindbergs frühere Werksamkeit. Darauf antwortete Strindberg mit folgenen Brief: Dalarö, d. 29.Juli 1880
Herauskommen von "Röda Rummet" (Das Rote Zimmer), als der Autor, Ziel eines gemeinen, schmutzigen Angriffs(115) wurde und sich nicht eine einzige Stimme dagegen erhob. Sie können deshalb verstehen, wie stolz und gestärkt ich mich fühle nach der Anerkennung, die Sie mir gegeben haben, nicht als Verfasser oder Talent (denn das achte ich gering (siehe meine Ausführungen im "Roten Zimmer" über die Kunst), sondern als Kämpfer. Was für Nutzen eine Partei von mir hätte, wage ich nicht voraus zu sagen. Ich glaube, es würde gering sein, weil ich noch beim Aufsammeln der Bruchstücke meines zerbrochenen Kruges bin, ich noch nicht alles klar sehe, daß es mir noch als Konglomerat abgelegter Überzeugungen erscheint; ich denke, daß ich davon ermüdet bin, weil da soviel Talent ist und das ethische nie vollständig hervorkommen will, oder bin ich so skeptisch geworden, nachdem das meiste, für was ich geschwärmt im Grunde Eitelkeit ist, so daß ich kaum mehr als meinen großen Haß übrig habe für all diese Unterdrückung und vergoldete Schäbigkeit! Dazu kommt, im Angriff bin ich schnell, aber dann kommt meine Humanität und so leide ich, weil ich meine Mitmenschen, auch wenn sie es verdient haben, geschlagen habe! Dadurch kann ich kein zuverlässiger Freund werden und auch kein ständiger Feind. Ich habe mich in mein Heim zurückgezogen (ich bin verheiratet) und halte mich fern von Tagesfragen, ich vergrabe mich in den 200.000 Bänden der Königlichen Bibliothek (ich bin dort Assistent!) über Sinologie, Geographie, Archäologie für eine gewisse Zeit, aber daunter liegt es und wächst und schmerzt bis solch ein Geschwür wie das "Rote Zimmer" hervorbricht. Dann bin ich glücklich und befreit! Wie Sie sehen, bin ich eine ziemlich schlechte Bekanntschaft! Ein Gallier, der schnell und rücksichtslos im Angriff ist und dann die Verteidigung anderen überläßt! Womit ich Ihnen im Moment dienen kann sind Informationen über meine Verfassertätigkeit. Ich begann als dramatischer Autor; 1870 führte das Königl. Dramatische Theater einen Einakter in gereimten Versen genannt "I Rom" (In Rom) auf. Es behandelte eine bekannte Episode aus Thorvaldsens Leben. der Autor war da einundzwanzig Jahre und junger Student in Uppsala. Zwei Jahre danach ging "Den Fredlöse"(der Friedlose), ein Einakter mit Motiv der isländischen Sagen. Gleichzeitig kam ein Trauerspiel heraus "Hermione", das in fünf Akten Griechenlands letzten Kampf gegen Makedonien und seine Niederlage behandelte. Darauf folgte ein See von Zeitungsaufsätzen. 1877 kam "Från Fjerdingen och Svartbäcken" heraus. Studien an der Akademie, die ich hoch setze. 1878 kam "Mästar Olof" (Meister Olof), ein Schauspiel, heraus. Das war 1871 begonnen worden, für die Szene vorgesehen, aber immer wieder refüsiert worden! Ich möchte dieses durch Umarbeitungen zerrissene Stück zur Durchlesung anempfehlen, es ist meine Biographie und enthält ziemlich tiefe Sachen. Die Kritik schwieg! Eine einzige Zeitung demontierte den Verfasser voll und ganz(116)! Dann kam das "Rote Zimmer"! Das war im Herbst 1879. Im Frühling 1880 wurde "Gillets Hemlighet" (Das Geheimnis der Gilde) auf dem K.Dram. Theater aufgeführt. Man hatte etwas Aufreibendes erwartet, und man bekam etwas Schönes zu sehen; Die Skandalzeitungen schellten, und die Konservativen nahmen mit Freude den verlorenen Sohn auf. Demnächst mache ich den Schritt ganz - und das wird unerhört, nach dem, was ich glaube! Was nun besonders das "Rote Zimmer" betrifft, so bitte ich Sie, falls möglich, lesen Sie es noch einmal; denn dort liegen so viele feine Detailarbeiten hier und dort (der Rausch des N.Falk am Anfang) und da liegt auch der Gedankensamen, der auf Reife wartet ("Über Schweden" Olles Vortrag und nachgelassene Papiere!) Was die Satiren betreffen, so sind diese auf vollständige Wirklichkeit gebaut - zum Teil. Alle Ziffern in der Zweiten Kammer sind aus dem Protokoll des Reichstages entnommen. Der Bericht der Triton-Gesellschaft ist teilweise abgedruckt aus dem publizierten Bericht der untergegangenen NEPTUN u.s.w. Deshalb schrien die Feinde des Lichts, daß es Lüge sei! denn siehe , es war die Wahrheit! Einige Worte über meine politischen Ansichten, im Falle, Sie wollten mich anwerben! - Ich bin Sozialist, Nihilist, Republikaner, alles was im Gegensatz zu den Reaktionären steht! Dieses nach Gefühl, denn ich stehe Jean Jacques sehr nahe, wenn es um die Rückkehr zur Natur geht: Ich möchte gerne mithelfen und alles umwenden, um zu sehen, was liegt auf dem Grunde; ich glaube, wir sind so eingebunden, so schrecklich viel gesteuert, daß es nicht aufgelöst, sondern aufgebrannt, gesprengt werden muß und sodann, von Grund auf, neu angefangen werden muß! Die Tagesfragen, ja! Hierzulande sind solche kleinen Fragen, die auf der Tagesordnung stehen, die ich wirklich nicht kenne! Das handelt sicher um Anschlag und Löhne! Aber Norwegen! Das könnte uns sicher ein großes Beispiel geben, wenn es sich losschlagen würde, aus der erniedrigenden Verbindung mit Schweden ! Ein junges, gesundes Land, gebunden an Verlebtes, Verfaultes! Das geht nicht! Aber jetzt sollte Norwegen das tun, bevor es überschwemmt wird von Beamten, denn Beamte - das ist die Reaktion, das ist die Verdammnis! Ich selbst bin ein Königl Sekretär und kann das beurteilen! Da mein Brief schon lang ist und doch nicht erschöpfend werden kann, schließe ich! Dank für Ihren Brief! Über das Zusammenwirken(117), das Sie erwähnten, lassen Sie mich mehr erfahren! Ihr Herr Bruder war mir mal ein Wecker, aber jetzt ist er mir zu ästhetisch und reaktionär(118). Ihr Dänen leidet noch an der unglücklichen Ästhetik. Ihr verehrt die Form, das Schöne, aber das ist doch nur die Oberfläche und Ihr - Ihr hattet doch Euern Kierkegaard! O dieser Mann! Wenn Sie nun einiges über mich erfahren haben, so ist das wohl gut! ich werde Ihnen meine Arbeiten von wert schicken(119)! Die sind viel schöner als das "Rote Zimmer" Der Verfasser ist in bürgerlicher Familie in Stockholm 1849 geboren. Wurde Student in Uppsala 1867. Trat in die Königliche Bibliothek 1875 ein, wo er noch Beamter ist. Unter anderen hatte auch der norwegische Autor Alexander Lange Kielland (1849- 1906) an Strindberg am 31.8.1880 einen Brief geschrieben, worin er seine Bewunderung für "Das Rote Zimmer" ausdrücklich betonte. Nachfolgend Stockholm, d.6.Sept.1880
Hier, so sehe ich aus! das bin ich: Assistent und Königlicher Sekretär an der K. Bibliothek! Ich bin 31 Jahre! Glücklich verheiratet und besitze eine Tochter, die mir Freude macht!(120) Mein Pessimismus ist angeboren! Als Kind saß ich manchmal und weinte, weil es traurig war(121). Was ? Alles! Genug von mir! Sie werden mehrere meiner Schriften bekommen, dann werden Sie mich besser kennen! Über Sie! Ich kannte Ihren Namen, aber nicht Ihre Schriften! Jetzt will ich Sie kennenlernen! Strindberg, den die, von der allgemeinen 1879 ausbrechenden Wirtschaftskrise, verschlechterte finanzielle Situation bis zum persönlichen Konkurs geführt hatte, arbeitete, mit enormer Energie und großer Schreibanstrengung, zahlreichen Zeitschriftartikeln und anderer Publikationen, sich aus dieser Schuld und konnte im Jahre 1880 alle Gläubiger bezahlen. der Naturforscher und Zoologe Anton Stuxberg verschaffte ihm u.a. die Arbeit der Katalogisierung der japanischen Bücher, die Adolf Erik Nordenskiöld von seiner gerade zuende gegangenen Expedition mit der "Vega" nach Stockholm aus dem Fernen Osten mitgeführt hatte. Dabei machte Strindberg die Bekanntschaft mit dem aus Finnland stammenden Nordenskiöld, der "Das Rote Zimmer" gelesen hatte und es gegenüber Strindberg gelobt hatte. Die Eheleute Strindberg/von Essen hatten ihr Familienleben auf sehr moderne Art organisiert, mit getrennten Schlafzimmern, Karriere für die Ehefrau, ins Haus gelieferte Mittagessen und Kinderlosigkeit. Nur das letzte hielt nicht lange an, da wurde nach zweijähriger Ehe, 1880, die erste Tochter, Karin, geboren. Und ein Jahr später, 1881, Greta. Die Sommer verbrachte die wachsende Familie auf der alten Sommerinsel Strindbergs: Kymmendö, wo sich August nunmehr dem Anbau von Gemüse und Blumen widmete. Die Hauptbeschäftigung war die Ausarbeitung einer Geschichte des schwedischen Volkes "Svenska Folket i Helg och Söcken" (Die Geschichte des schwedischen Volkes), die im Gegensatz zur These von Erik Gustaf Geijer (1783-1847) verfaßt wurde, die lautete: ...die Geschichte des schwedischen Volkes sei die seiner Könige. Strindberg sagte dazu: ...man könne das nur sagen, wenn man nicht, wie Geijer, die Geschichte der königlichen Beamten schreibt. Strindberg wollte dagegen die Geschichte des Volkes zeigen und wie wenig das Leben des einfachen Volkes von Handlungen der Könige eigentlich beeinflußt wird. Er attackierte König Gutav Adolf und Carl XII für ihre, seiner Ansicht nach, unnötigen Kriege und stellt sich auf Seiten des einfachen Volkes. Die herrschende Fachkritik stand dem Werk, obwohl es nur kleinere Fehler enthielt, äußerst feindlich gegenüber, auf Grund der , für die damalige Epoche ungewohnten Methode, die Strindberg für die Darstellung wählte: Alle Tätigkeitsfelder der Menschen, nicht nur Politik und Militärwesen, sondern auch das tägliche Leben, die Kultur, die Wirtschaft, die Religion u.s.w. wurden in ihrem Nebeneinander und gegenseitigem Befruchten geschildert; die sogenannte Kulturgeschichtliche Methode. Das Buch ist in einem demokratischen Ton gehalten und das Motto könnte lauten: Zurück zur Natur! Im Sinne Rousseaus kritisiert er die zunehmende Spezialisierung und übertriebene Arbeitsteilung der Gesellschaft. Nachdem er "Svenska Folket" abgeschlossen hatte, schrieb er historische Novellen, deren erster Teil 1882 unter dem Titel "Svenska Öden och Äventyr" (Schwedische Schicksale und Abenteuer) herauskamen. Im zweiten Band, der 1883 herauskam, erschien auch eine Novelle "Herr Bengts Hustru" (Ritter Bengts Gattin), die bereits im September 1882 als Theaterstück erschienen war, bereits im Mai des gleichen Jahres war ein anderes Drama fertiggeworden, das Strindberg bereits 1881 begonnen hatte; er nannte es "Lycko-Pers Resa" (Glückspeters Fahrt), Märchenspiel in 5 Akten, dessen Hauptperson, ein schwedischer Peer Gynt, der in die Welt zieht, sein Glück zu suchen, es aber erst findet, als er aufhört, es für die eigene Person zu finden. Das Stück erlebte seine Premiere auf dem NYA TEATERN im Dezember 1883, während das nach "Lycke-Per" verfaßte "Herr Bengts Hustru" schon im November 1882 auf die Bühne des NYA TEATERN kam, und mit Siri von Essen in der Hauptrolle aber nicht besonderen Erfolg erlebte, sondern erst wieder 1908 wagte eine schwedische Bühne, diesmal das INTIMA TEATERN, das Stück erneut herauszubringen. Obzwar das Schauspiel einen äußerlich historisierenden Inhalt hat, steht doch in diesem Drama der Geschlechterkampf, Liebe und Ehe im Zentrum und bilden das Hauptthema, wie in so vielen späteren Werken Strindbergs. Er wollte ein gutes Stück, eine gute Rolle für Siri schreiben, was lag also näher, den Stoff aus den Erfahrungen seiner vierjährigen Ehe zu schöpfen. Bei der Premiere wurde dann ihr Einsatz mehr geschätzt, als das eigentliche Drama. Man berichtete, ihre schauspielerische Leistung habe das Stück deutlich verbessert und den Abend gerettet. Nachdem "Meister Olaf" vom NYA TEATERN angenommen worden war und Aussicht auf Annahme weiterer Dramen vorlag, beendete Strindberg seine Anstellung bei der Königlichen Bibliothek im Jahre 1881 und versuchte die Familie ausschließlich als freier Schriftsteller zu versorgen. Was zu neuen Schulden, verfallenden Wechseln und Bettelbriefen an Gläubiger führte. 11.1.82
Willst Du so nett sein und auf jeden fall Adolf Lindgren bitten, nicht mich mit Dummheiten aufzuschrecken, nur weil ich die hundert Kronen nicht rechtzeitig bezahlen konnte.(122) Und das, weil der Meister Olaf 14 Tage später als berechnet herauskommt! Aber sobald er zehnmal gelaufen ist, hat er das Geld in der Hand. Davor kann ich keine Öre leihen, denn jetzt habe ich keine andern Resursen als zu arbeiten. Bitte ihn, sich zu gedulden, denn ich sitze mit den letzten Szenen eines Märchenspiels in fünf Akten(123) und möchte so gerne idyllisch sein! Die Folkbank wartet noch einige Tage. [13.4.1882]
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.......... Wenn Du demnächst Mädchen fickst, so vergiß nicht, etwas dazwischen zu legen!(124) Stockholm, 30. April 1882
Indessen - jetzt ist es vorbei, und ich vertiefe mich in ganze Lasten von Büchern. Manchmal ist es schrecklich unheimlich, aber ich habe Karin und Greta zum Zuhören und zum Führen des Haushalts, was seine Zeit erfordert und Umsicht, besonders, da ich mit Hilfe von Statistik der Ida auf die Finger sehe und fest wie ein Riemen bin, wenn sie sich Freiheiten herausnehmen will, was sie sofort versuchte, als Du abgereist warst! Ruhe und Ordnung sind allerdings wiederhergestellt, und alles geht seinen gleichmäßigen Gang. Aber die Torin glaubte, ich sei dumm und das ärgerte mich. Wenn ich Dir einen letzten Universalrat angehend Deinem Spiel geben darf, was mir sehr am Herzen liegt, so zusammenfasse ich alles in zwei Worte (alte, wiederholte, aber die Sache im Kern treffend). 1. Spiele nicht schlapp! 2. Durch das ganze Spiel Energie aufrechterhalten. 3. In den Pausen nicht in sich selbst versinken! Stummes Spiel( d.s.h. Mimik, Gesten) 4. Ununterbrochene Korrespondenz mit dem Publikum; 5. Nicht im Profil spielen! 6. Gepflegtes Äußeres. 7. Zuerst und zuletzt: Energie! Keine Schlappheit oder Grübelei! Am 13. können wir, laut Brief aus Bergen, nach Kymmendö fahren. Schreibe nun schnell wieder ! Telegraphiere nach Jane Eyre!
Kymmendö 14.Mai
1882
Wir sind auf Kymmendö! Alles ist wohl! Den Kindern geht es gut! Greta ist tüchtig. Kriecht, sitzt auf dem Boden, steht an den Möbeln! Hier draußen ist alles schön! Nur Du fehlst jetzt noch! Bleibe nicht in der Stadt! Wir können dann jamanden schicken, um das, was Du nicht schaffst, auszurichten! Solltest Du doch gezwungen sein, einige Stunden zu bleiben, sei so nett und nehme mit Eßtisch und einige Teppichstücke Zuckerschale, Salznapf, Kanne, Eierbecher. Und sei so nett, schicke jemanden um eine Sahnenschale aus Glas (25 Öre) ein klappmesser mit Korkenzieher (stark) vier Bände gelben Bienenkorb von der gelbsten Farbe, sonst gleichgültig welcher Art zu kaufen und nehme meinen Kalender, der auf dem Schreibtisch liegt - Du hast 25 Kronen von Stuxberg zu bekommen, die er mir schuldig ist, und die er mir zu zahlen versprochen hat, wenn Du kommst. Hast du meine vier Briefe und ein Telegramm nicht erhalten. Siri! Willst du einen angenehmen friedvollen Sommer haben? Laß mich fortsetzen, den Haushalt zu führen. nicht, weil ich das besser kann als Du, sondern weil Du dann nicht die Diskussionen um Kleinigkeiten anhören mußt, weil Du dann alle Sorgen, daß das Geld nicht reicht und daraufhin, wie Du das nennst, neues begehren mußt. Weil ich gerade lerne, was Geld wert ist und mich dadurch an Sparsamkeit gewöhne und schließlich, weil unser persönliches Verhältnis nicht getrübt wird von Bagatellen. Euch wird , bei meiner Seele, dabei nicht schlechter gehen, und Du wirst Deine Handkasse bekommen, womit Du machen kannst, was Du willst! Glaube mir, es wird gutgehen! Aber wenn Du das nicht willst, so sage einfach Nein, und Du kannst sofort die Angelegenheit übernehmen. Verdächtige mich nicht anderer Motive als gemeinsames Wohlbefinden und Eintracht, was wohl das höchste Glück darstellt! Nun bin ich mit der Sache vertraut, sehe selbst wie teuer es ist, aber es ist besser, als wenn ich umhergehen würde mit dem Mißtrauen, es würde mehr verbraucht werden als nötig. Deiner Ehre als Hausfrau wird ja nun, da Du tatsächlich zu Deiner Artistkarriere zurückgekehrt bist, nicht nahegetreten und im Herbst, wenn Du spielen wirst, wird es wahrscheinlich notwendig, daß ich den Haushalt führe. Alle Schulden in der Stadt sind bezahlt und wir haben uns ziemlich reichlich aus dem Kräuter- und Delikatessenladen per Barzahlung bedient. Komme jetzt bald, aber komme glücklich und freundlich ohne Mißtrauen oder Unwillen. Hast Du nur das Geringste gegen meinen Vorschlag, so nur ein Wort: Ich gebe nach, ohne Widerrede. Lasse also Deinen Egoismis herrschen und denke an Dein Wohlbefinden, was ja meistens auf Ruhe und Frieden beruht!
Kymmendö 26.Juli 1882
Du glaubst ich brauche solche nicht, weil die Kretins Hedlund und Warburg (Knäblein!) in ihrem Neid meinen, ich hatte ausreichend Anerkennung (für ihren Neid ausreichend). Anerkennung für Talent habe ich erhalten, aber ich will für meine Ansichten Anerkennung haben - und - für meinen Mut! Auf die für Talent sch... ich. Ich verlasse Schweden nicht aus Furcht für mich oder aus Unzufriedenheit mit der Kritik, ich reise, um meine Ruhe zu haben vor Freunden, und weil meine Frau und meine Kinder vor simplen Verfolgungen, die sie nicht ertragen können, geschützt sein sollen. Meine literaischen Kontrahenten (Die Idealisten!) haben so viele eigentümliche Arten meine Angriffe zu beantworten. Sie beschimpfen meine kleinen Mädchen draußen auf der Promenade, sie senden Postkarten mit Schweinereien, die Nettesten schicken anonyme Briefe, die Schlimmsten sabotieren meine Ehefrau in ihrer Laufbahn (Sie ist leider Aktrice), die Allerbesten kaufen alte Wechsel (ich bin mit schlechten Geschäften geboren!) und schickanieren mich in meiner Abwesenheit, die Feigsten beschmutzen meine Visitenkarten und machen Anschläge an den Außentüren. Das stört meine Arbeit, und betäubt mich, deshalb reise ich - um wiederzukommen wenn eine Partei aufwachsen kann! Meine Geschäfte, die glänzend sein sollen (so Hedlund und Warburg) werden Dich belustigen. Das "Rote Zimmer", das einen beispiellosen Absatz hatte, brachte in allen vier Auflagen (6.000 Exemplare) 2.200 Kronen ein. Beanspruchte ein dreiviertel Jahr zu schreiben. Jetzt lebt man mit Ehefrau und Kinder nicht unter 6.000! Wieviel leihte ich das Jahr? "Meister Olaf", das großen Erfolg gewann (sogar Wirsén würdigte es!) brachte 750 Kronen ein! Zehn Jahre Arbeit! "Das Geheimnis der Gilde" auf dem Königl.(!) Dramatischen Theater 260 Kronen. "I Vårbrytningen" ( Im Frühlingserwachen) war vor 7 Jahren teilweise für 10 (zehn) Kronen per Bogen verkauft worden! Es sind nicht mehr als tausend Exemplare verkauft worden. "Svenska Folket" (Das Schwedische Volk), was eine Kulturgeschichte werden sollte, aber eine Parteischrift wurde, brachte 10.000 Kronen ein, wovon Schulden von ungefähr 10.000 Kronen bezahlt werden sollten! Bist Du zufrieden? [ - - - ] Jetzt habe ich gerade Lassalle gelesen und gratuliere Deinem Bruder! Aber, aber, wenn man in den Kampf soll ist es ein Verbrechen unparteiisch zu sein, und man darf die Sache nicht ästhetisch sehen. Wenn ich über Lassalle in unseren Tagen geschrieben hätte, würde ich über alles Unvorteilhafte seiner Person hinweggehen, sondern ihn auf die Spitze eines Obelisken stellen, von wo er auf die anderen Statuen spucken könnte, wenn nötig, hätte ich gelogen! Dein Bruder ist kein Fanatiker. Er behandelt bedeutungsvolle Menschen in seinen Abhandlungen, der Abhandlung wegen, weil es ihm Freude schenkt! Das hindert nicht, daß er für Skandinavien geworden ist, was er ist und was ich immer anerkennen werde, ja, ich werde das bis in den Tod anerkennen, auch wenn ich daran gezweifelt habe, und ungeachtet seiner Kanonisierung des reaktionären, für unsere Entwicklung vollkommen bedeutungslosen, Tegnér, des Poeten par préférence. Eine Sache, zu der ich im Vorweg meine Erklärung geben wollte! Ich werde als Judenhasser angesehen und nun habe ich in meinem neuen Buch über unsere Juden Satire gemacht. Ich hasse nicht Juden, aber unsere servilen ordnungshungrigen, despotischen, unterdrückenden Juden, welche mit der ganzen Macht des Geldes (es war eine leichte Sache den dummen Schweden ihr Geld abzugaukeln) auf ihrer rücksichtslosen Art mit der Reaktion gegen uns arbeiten! Aus diesem Grunde sind sie sowohl Deine Feinde wie meine. Upsala Universität hat z.B. drei Dozenten in Schwedischer Literatur und alle sind kleinliche, dumme konservative Juden, die über alles Neue nörgeln. Alle (so gut wie alle) unsere Verleger sind Juden, die Luthers Schriften und das Neue Testament verkaufen, um sich liberal zu zeigen, aber wenn man sich in der Politik oder Literatur als liberal zeigen will, so ist es schluß. Das ist ja nun ein zufälliges Unglück für sie, daß sie Juden sind und ich würde sie genau so wenig mögen, wenn sie Schweden wären! [ - - - ] Das hier ist also keine Frage um Judentum, nicht einmal um die Juden, sondern um unsere Juden in Schweden! welche wie eine Korporation auftreten mit unberechtigten Interessen. Laß uns zusammenhalten, nicht wegen eines Detailproblemes zerstreiten. Du bist kein Jude, da Du öffentlich dem Judentum abgeschworen hast, während unsere sich an ihren alten Aberglauben halten um Interesse zu erwecken aber von Glauben keine Spur! Deshalb habe ich mich fähig gesehen mit Dir darüber sprechen zu können und bin wohl über Mißtrauen erhaben so borniert zu sein wie ein intoleranter Religions- oder Rassenhasser. Dein Bruder wäre, wie die Sache liegt, schon zum Professor an der Stockholmer Universität berufen, wenn nicht der Juden Furcht so groß gewesen sei, daß er die Korporation blamieren werde. Der Verlust ist größer für uns als für ihn. Lebwohl so lange. Meinen Gruß an Jacobsen. Der alte Romantiker, den wir verstehn. Ich lese oft mitten in "Frau Marie Grubbe", aber habe nicht das Herz es zu einem Stück umzuschneidern! Hast Du gesehen, daß Wirsén und ich aneinandergeraten sind? Ich in der DAGSKRÖNIKAN und er in der POSTTIDNING! Das war nur ein Vorpostengefecht!
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