Brief Nr. 1
Brief Nr. 2
Brief Nr. 3
Brief Nr. 4-8
Brief Nr.9-17
Brief Nr. 18-36
Brief Nr. 37-46
Brief Nr. 47-62
Brief Nr. 63-67
Brief Nr. 68-91
Brief Nr. 92-104
Brief Nr. 105-131
Zu den letzten Briefen

Zur Literatur von und über August Strindberg
 Andere Resourcen
über
August Strindberg
im Internet
 
             
4. Jahre in der Fremde
 
Nach  dem Herauskommen von "Det Nya Riket" (Das Neue Reich), einer Sammlung 
giftiger Gesellschaftssatiren brannte Strindberg der Boden unter den Füßen und er 
verließ Schweden, und eine mehrjährige Irrfahrt durch Frankreich, Schweiz, 
Deutschland und Dänemark, mit Not und Mangel im Gepäck begann für die junge 
Familie. Eigentlich war die Ausreise schon im Herbst des Vorjahres beabsichtigt 
worden, aber dann auf Drängen seiner Freunde in der Bewegung "Unga Sverige" 
(Junges Schweden), aber besonders auf eindringlichem Rat seines Freundes Pehr 
Staaf, der davon redete, "daß man sich nicht gerade jetzt feige zeigen dürfe und ins 
Ausland fliehe. Durch das Tagebuch der Hausgehilfin Eva Carlsson hat die Nachwelt 
Kenntnis davon, daß der  Abreisetag der 12.September war, selbst hat Strindberg in 
keiner Zeile, in keinem Brief das Datum genannt. Er war mehr auf der Flucht vor 
seinen Freunden, als vor seinen Feinden, denn gerade zu diesem Zeitpunkt war die 
finanzielle Lage, die sonst immer angestrengt war, durch die großzügige 
Unterstützung, die Bonnier Strindberg gerade nun angedeihen ließ, ziemlich 
entspannt. 
Brief Nummer 37
An Pehr Staaff
 
Auf dem Zug zwischen Bremen und Osnabrück d.18.Sept  1883
 
    Bester Bruder Staaff!
Gräßlich! Übermäßig teuflich zu reisen! Fast die ganze Strecke krank: lag krank in 
Stralsund und trank Fliedertee. Ich restaurantierte mit Austern (außerordentlich) 
und Rheinwein im Ratskeller zu Lübeck und dito im guten Ratskeller zu Bremen. In 
diesen Kellern ist alle Stimmung weg, Gaslampen und Annonsplakate zerstören den 
Effekt. Ich wußte vorher, nichts entspricht den Beschreibungen und bin deshalb 
keineswegs düpiert. Den Teil von Europa, den wir gesehen haben und sehen von 
Stralsund bis Köln ist so verdammt häßlich, so daß Småland mit seinen Steinen 
wunderschön ist! 
Reise niemals um was zu sehn, es gibt nichts zu sehn! Die Wohnung wechseln kann 
man gerne! 
Wir reisen nur kurze Stücken und schlafen jede Nacht. Am 20. sind wir in Paris! Die 
Kinder haben uns große Freude gemacht, sie verschreckten und vergraulten alle 
Passagiere aus dem Coupé; sie wurden regelmäßig auf allen Stationen im Fenster 
gezeigt. Leider sind die Deutschen mehr kinderliebend als die Schweden, wenn auch 
eine von mir persönlich in Stralsund gekaufte eiserne Harmonika mit zwei Oktaven 
Umfang und zwei Anschlagstöcken aus Birke deren unerlaubte Liebe zu den 
weißhaarigen Kindern anderer Leute etwas verminderte! 
In meiner Eigenschaft als Schmutzverfasser habe ich besonders die Klosetts der 
Hotels studiert. Auf  die glänzenste Erfindung traf  ich in Hamburg. Dort dreckte 
man in etwas, was einer Suppenschüssel ähnelte und wenn man sich umschaute, war 
da nichts zu sehen, ungeachtet man darauf schwören konnte, ein paar Meter 
abgelegt zu haben; Die Schale war nach der Verrichtung so fein, man hätte echte 
Schildkrötensuppe daraus essen können, obwohl kein Wasserplätschern hörbar wie 
in Stralsund, wo, als man sich gesetzt, die Dichtung nachgab und ein strömendes 
Wasser zu fließen anfing. Es war vollkommene Zauberei. Genug von Klosetts! 
  
 Wir trafen uns nie persönlich in Stockholm auf Grund von Briefhinderung. Wir 
müssen also schreibweise die Bekanntschaft in Gang halten! Ich hoffe, Du hast die 
Bücher von Gustaf af Geijerstam empfangen! Hat an den Gedichten die Korrektur 
begonnen! Solltest Du richtige Idiotien antreffen, so ändre sie ohne weitre 
Scherereien, und lasse keins ausschließen! 
Im Stück  'Djuplodning' (Tiefenlotung) soll Schlußstrophe lauten: 
  Nun haben unsere schlauen Hirne
  steuern gelernt nach Sand
    (Landsflyckt IV,4 ; Dikter 1883)
 
Brief Nummer 38
Brief an Pehr Staaff
       [Paris] 19.Oktober 1883
[ - - - ]
Sah Sarah Bernhardt in "Froufrou"!
Pfui Deibel! Nur Manier und Trickserei! Ich habe nur einen Maßstab für Kunst - die
Natur! Manchmal hatte sie danach einstudiert und dann war sie überraschend. Im
übrigen scheiße ich auf das Aas! [ - - - ]
------------------------------------------------------------------------------------------
Brief Nummer 39                                                     27.Nov.1883
An Pehr Staaff. (125)
                                                                                   Neuilly sur Seine
                                                                                 Avenue du Neuilly 89
 
 Bruder Staaff!
Ich sollte wohl vor langer Zeit Dir für Deine Mühe mit der Korrektur gedankt 
haben, und gerechterweise solltest Du wohl eine mehr realistische Anerkennung 
erhalten, wie ich es auch Alb[ert] B[onnier] vorschlug, aber er behauptete 
daraufhin, es handle sich nur um eine freundschaftliche, letzte Kontrolle vor dem 
Druck und redete drumherum, wie Du Dich erinnerst! Na, wir haben seit langem 
viel miteinander zu tun und ich lebe immer noch auf Vorschuß! 
Indessen, nun habt ihr ein höllisches Rabalder zuhause, aber es sollte diesmal 
schnell im Weihnachtstrubel ertrinken! Ich öffne nunmehr keine Briefe, lese keine 
Zeitungen und kommen mir babbelnde Skandinavier zu nahe, so ziehe ich! 
Nun fühlen wir uns wohl! Siri hat den ganzen Haushalt und ist ihr eigenes 
Dienstmädchen; wenn sie frei ist, besucht sie THEATRE FRANCAIS, das sie jedoch 
teilweise erbärmlich finden muß! 
Sonst nur stille Friedlichkeit und wenig Umgang. Dieser Satansmensch, der auf die 
Idee kam, dieses wichtige Paket der Madame F. anzuvertrauen, hat mich daran 
gehindert, mit B.B. Verbindung aufzunehmen.Wo, zur Hölle, ist dieser Mensch, oder 
richtiger, die Bücher! Kann dieses Aas nicht polizeilich  in Cöln gesucht werden? 
Jetzt schreibe ich an den "Sömngångernätterna"(Schlafwandlernächten), welche zu 
Neujahr auftauchen werden, fünf Stück! 
Der Einzug in Kristiania (126)   war ein großer Erfolg in Norwegen und der Verfasser 
wurde abgezeichnet in VERDENS GANG. 
Apropos Geijerstam und Fallström, Schriftstellerei! Unter uns gesagt! Deren 
berühmte Analyse  geht, meiner Meinung nach, nur die Votze an, größere Fragen 
haben sie nicht. Und wenn sie weiter so mit ihren Pimmeln spielen, können sie nie 
einen richtigen Beischlaf durchführen, wenn sich dazu Gelegenheit findet!  Analyse? 
Leck mich am Arsch für diese Analyse. Und die Formeln! La formule! Zu feige ins 
Feuer zu fassen! Wollen so gerne berühmt werden, aber mit heiler Haut! Aber so 
geht das nicht! Talent gibt es genug! Aber Talent ist Mittel nicht Ziel! Deren 
Unterleibsleiden werden langweilig und kommt G[ustaf] af G[eijerstam] noch 
einmal mit seiner Mösenanalyse ist er am Ende! 
Du wirst es erleben, die sogenannte Neue Richtung wird, sobald sie eine Richtung 
ist, auseinander brechen; 
10 die jungen Glückssucher, die von dem kleinen Ehrgeiz pißnötig sind und für 
soziales Ansehen schreiben = die alten Ästhetiker, die Schönheit fordern, d.w.s. 
gepflegte Sprache u.s.w. = Analyse! 
20 die, die ihren großen geraden Weg gehen, ohne auf irgend welche Formeln zu 
hören. 
Die neue Poussierschule sieht an den größten Fragen vorbei:  wahrscheinlich auf 
Grund einer gewissen Gleichgültigkeit für das Wohl der Gesellschaft, also 
Egoismus, oder aus Furcht, sich zu blamieren! 
Der Mensch als psychologisches Tier ist nicht das höchste Problem, kann auch 
nicht ohne Milieu erklärt werden; siehe Zola! Er hat sowohl das Milieu der 
Gesellschaft als auch die Seele des Individiums. Unsere Mösendichter, die nur in 
der Votze graben wollen, aber dort finden sie keine Rätsellösungen; und alles 
andere existiert nicht für sie;  Gesellschaft, Staat, Natur, doch wenn die Gesellschaft 
ihr Ficken hindert, dann schlagen sie mal auf die enge Gesellschaftsordnung! Es 
reicht! 
Fallström schreibt manchmal ausgezeichnete Verse, was ich ihm geschrieben habe! 
Lebwohl und grüße alle! Besonders Branting! 
              Vom
           Freund
               August Strindberg
 
 
 
Brief Nummer 40
An Bjørnstjerne Bjørnson
                                                             Ouchy, 4.Mai 1884
 Lieber Bjørnson!
Diese Arbeit von vier Monaten, die ich hier in der Schweiz hatte durch das 
Untersuchen meiner Seele, die einem Mäusenest gleicht, wo Reste des alten 
Christentums, Fetzen des kunstverherrlichenden Heidentums, Späne des 
Pessimismus, Adern von Weltfeindlichkeit huller um buller liegen, und was zu 
keinem Resultat führt und das ungeachtet Deiner und Jonas Lies (127)   kräftiger Hilfe! 
Ich habe Anfechtungen von allem:Asketismus, Epikurismus, Pietismus und 
Ressimismus, Anfall von wildesten Optimismus; mir ist , als ,wäre ich zersprungen 
und alles rinnt aus in einem großen Chaos. 
Nun fühle ich ein großes  Bedürfnis, mich Dir anzuvertrauen, strenger Bjørnson, 
der bis auf die Nieren kritisiert und bist Du unversöhnlich, so bitte Jonas Lie für 
mich zu beten [ - - - ] 
Mein Widerwillen gegen Kunst, als existierende Verfälschung, hat eine Art 
Charakter  von religiösen Fanatismus angenommen! Bonnier  bestürmte mich den 
ganzen Herbst nicht an "Likt och Olikt" (Gleich und Ungleich) weiterzuschreiben 
sondern einen Roman zu schreiben, weil ein Roman geht (d.w.s. gibt mir doppelt 
soviel wie die reine Wahrheit). Das war ein neuer Grund für mich reine Prosa zu 
schreiben! Ich wollte die Stacheln meiner Seele fühlen, wenn andre mich als 
verbrauchten Autor sehen, ein toter Mann, der aus der Not eine Tugend macht. Ich 
habe es gespürt!  Na!  Aber nun kommen die Folgen! Man hört auf mich zu lesen! 
Ich werde wirklich tot und meine Worte fliegen in den leeren Raum! Jetzt kommt das 
Dilemma! Um nützlich zu sein, muß ich gelesen werden! Um gelesen zu werden, 
muß ich Kunst schreiben, aber ich finde Kunst unmoralisch. Also: entweder sterben 
mit einer reinen Seele oder eine unmoralische Tätigkeit fortsetzen! 
Löse diese Frage! So kommt, beim Grübeln und Kämpfen, der schwarze Teufel, der 
in meinem Herzen sitzt und über alles grinst und dann erwacht der epikureische 
Kunstgeist in mir und ich sehne mich zum Genuß, den Kunstproduktion schenkt und 
es ist ein kolossaler Genuß, aber gerade darin liegt das Unmoralische.  Gerade 
habe ich eine ultra-optimistische Erzählung (128)   vollendet, dei zeigte, daß ich immer 
noch die künstlerische Fähigkeit besitze, aber wenn der Tag kommt, an dem ich mit 
meiner Kunst gebrochen habe, dann werde ich auch die Fähigkeit verlieren und 
dann bin ich des Todes! Ich habe Pläne zu den herrlichsten Kunstwerken, 
vollkommen, vollkommen, aber ich kann mich selbst nicht überzeugen, sie 
auszuführen, obwohl ich weiß, sie würden mein Glück machen, und mir Ansehen 
verschaffen! Was mich heutzutage zur Kunst lockt, ist leider die Aussicht auf großes 
Ansehen, denn Ansehen gibt dem Wort Macht! Aber ich verwickle mich in 
Widersprüchen, aus  denen ich mich nicht lösen kann! Aber doch ersehne ich so 
hohes Ansehen, daß es keinen Zweifel über meine Kunst gibt: dann will ich meine 
Schreibfeder zerbrechen und sagen: Seht her, jetzt beende ich mein Spiel und wende 
mich dem Ernst zu! [ - - - ] 
Aber es ist noch zu früh dazu, solange mein Ansehen so umstritten ist.  [ - - - ] Ein 
verlogenes Leben im Widerspruch mit sich selbst  zu leben! Aus Not gezwungen - 
Und meine Kunstwerke? Die werden der Schönheit wegen genommen, und nicht , 
weil sie wahr sind! Man ißt das Fleisch der Früchte und spuckt den Kern aus! Und 
es war doch der Kern, den man schlucken sollte. So kommt und bietet Kerne an, 
hart wie Stein! Wer wird die in den Mund nehmen! 
Und so kommt die harte Wirklichkeit und so kommen die müden Augenblicke! 
[ - - - ] 
Du Bjørnson! Mach es wie Ibsen! Setze Dich in eine Ecke, wie ein zweiter Moses auf 
den Berg und sage ein Wort einmal im Jahre und sage es so listig, daß niemand 
versteht, was Du sagst, dann liegt das Volk im Sande und betet zur Sfinx! 
Weißt Du, langsam hasse ich Ibsen ein wenig nach dem "Volksfeind"!  Es liegt etwas 
unzuverlässig Ästhetisches bei ihm [ - - - ] Brand mit dem Medchichi-Orden  um 
den Hals! (129)   Und "Nora oder ein Puppenheim"! Der Frauenhasser Ibsen! Das war 
ein Manöver, das den groüen orzug hat, daß es glückte! Als Frau Hwasser schrieb 
und fragte, was er mit dem Stück meinte und ob Nora wiederkommen werde, so 
antwortete er:  daß er es nicht wüßte! Da hast Du den Ästhetiker und Kommandör. 
Aber es ist wahr; er hat "Gespenster" geschrieben! Ich darf ihn nicht hassen! Nein! 
Ich werde sein Beispiel folgen und Moses auf dem berge werden! [ - - - ] Aber um 
das zu sein, muß man Renomist werden! Gut, ich werde auch das lernen! Zum 
Teufel mit meiner Seele, wenn ich damit 10000 retten kann, und das kann ich nur, 
wenn das Volk mir zuhört! [ - - - ] 
Alle Mittel sind erlaubt, außer die unehrenhaften, wie einen Orden annehmen und 
die Meinung verkaufen! 
Nun Bjørnson werden Deine Worte über  Europäischen Ruf wurzeln in meiner Seele 
schlagen! Ich habe das früher verachtet, aber tue es nun nicht mehr! 
Das war eine Beichte und ein Gespräch um meine Gedanken zu ordnen! 
Danke für Deine Briefkarte! Lebewohl und grüße alle! Thomesens (130)   grüßen! Der 
Alte und ich rannten am ersten Abend zusammen, aber seine Tochter ist gute 
Gesellschaft für meine Ehefrau!       Lebewohl 
                                                    Dein Freund August Strindberg
 
 
 
Brief Nummer 41
An Carl Larsson
 
                                                                 30.9.84
                         (---) Gegen meine Angewohnheit habe ich gerade mein Buch
gedruckt gelesen; und auf mich wirkt der "Samen" und ist ein ehrlicher und guter
Beischlaf  im Gegensatz zu Ibsens hysterischer Onanie...(---)
 
 
 
Brief Nummer 42
An Carl Larsson
                            Lieber Carl Larsson                     Genf 3 rue Dancet
                                                                                   7.Oktober 84
Mein Krug ist zerbrochen. er ist zu lange zu Wasser gegangen!  "Heiraten"ist 
beschlagnahmt und Strindberg wird zu 6 Monaten Långholm (131)   verurteilt. Où est la 
femme? 
Aber ich werde durch Handlung meine Mißachtung zeigen für dieses dumme Gesetz 
und nicht heim reisen. Heim? Was habe ich fürHeim in Schweden? 
Das schlimmste ist, daß Bonnier eingelocht werden kann. Dann muß ich Heim und 
mich stellen. Das graust mir. Ich mag keine  Demonstrationen an Landungsbrücken 
und Bahnsteigen. Schreibe keine aufgeblasenen Proklamationen. 
Das Schlimmste ist: Die Frau weint und das Kind ist krank. Wie kann ich die in die 
Oktoberkälte hinauszerren. 
Wohne in Genf.Trist! Sehe jeden Tag den Platz auf dem die Schriften  von Rousseau 
und Voltaire vor dem Hotel de Ville verbrannt wurden. Ein kleiner Trost, wenn man 
wie ich für die Gegenwart schreibt und nicht für die Unsterblichkeit. 
Gestern war ich im Buchladen der Nihilisten (132) . Dort war nur eine Frau, dessen Kind 
im Nebenraum zu weinen anfing. Sie kam heraus mit einem halbnackten kleinen 
Buben. Du darfst nicht glauben, daß sie es hier in der Stadt sehr lustig haben; da 
sind sie keine Helden, wo es 100 Millionäre auf 60.000 Einwohner gibt! 
Wie geht es Deiner Tochter und Deiner Ehefrau? Du hast ein stilles munteres Leben 
in Deiner Welt der Schönheit, du. 
                                                                           Lebewohl
                                                                            der Freund
                                                                             Strind.
Das Schlimmste ist, daß die Freunde (133)  mir telegraphieren, ich solle heim und mich
populär machen mit Perronreden (134) . Pfui Teufel, wie altmodisch!
 
Brief Nummer 43
An Bjørnstjerne Bjørnson.
                                                                             Genf, 14.Oktober 1884
                                            Eure Majestät! 
Euer kaiserliches Reskript habe ich empfangen und werde die Ehre haben, es 
vollständig unbeachtet zu lassen. 
      Lieber Bruder!
Deine Unverschämtheit macht Dich klein. Brauchst Du mich für politischen 
Humbug, so habe ich andere und größere Aufgaben im Leben. Meine 
Spitzfindigkeit, (135)  daß ist mein schärferer Verstand. Den zu achten Du endlich lernen 
solltest! Und Du solltest auch Achtung für mein Wissen haben, Du, der, wie Du 
gesagt hast, nie ein Buch liest. Wenn Du weniger reden und mehr läsest, würdest 
Du genauso weit gekommen sein, wie ich! 
Nimm nun Ratschläge von einem Geist, der stärker ist als Deiner, ein Geist, der den 
mächtigen Schutz des "schönen Geschlechts" entbehren konnte. Sei nicht so altmodisch romantisch! (Man lacht über Deine Proklamationen in den Zeitungen). 
Sei wahrhaftig! Bjørnson! Du bist falsch wie ein Festredner. 
Sei wahrhaftig! Im Detail! Du hast mir gestanden, Du hättest das Schauspiel "En 
Handske"(Ein Handschuh) geschrieben,um die Frauen für Dich einzunehmen, da 
alle anderen Dich verlassen hatten! 
Sei unmoralisch Bjørnson, wie Du in Deiner Jugend warst, denn die Tugend,die 
nach 50 Jahren kommt, die taugt nicht zum Predigen! 
Laß die starken Getränke stehen und trinke Wasser wie ich, dann wirst Du klar 
denken und mein Buch verstehen! So bin ich Dir die Antwort  nicht schuldig! 
Halten wir das nun für uns! Für unsere teilweise gemeinsame Sache sind wir zu unentbehrlich, um unseren Streit an die große Glocke zu hängen! 
Halte Dich demzufolge ruhig und lasse mich meine Angelegenheit regeln. Du hast 
schon früher viele Sachen durch Dein bubenhaftes Benehmen  zerstört. 
Jetzt stehe ich so einsam in meinem Kampf, wie weder Du oder Ibsen waret, obwohl 
ihr damit geprahlt hattet, da ihr gleichzeitig von Verehrerinnen umlagert wart. Ich 
bin so einsam, wie man nur sein kann, denn ich habe meine Frau gegen mich - Aber 
draußen in "den Weiten", (136)  dort trifft man den großen Geist der Natur und man 
kann allen Menschen den Rücken zuwenden! 
Und nun leb wohl! Laß mich in Ruhe, und lies meine Schriften, so kannst Du etwas 
lernen! Aber lies sie selbst! Ich folge nicht solch einem unmoralischen Rat, nach hause zu fahren und zu demonstrieren, um Reklame zu machen, die meine Bücher nicht benötigen. 
                                                                            Dein ehemaliger Freund
                                                                                      August Strindberg
 
 
Brief Nummer 44
An Albert und Karl Otto Bonnier
                                                                          Sthlm, d. 15.  Nov. 1884
                       Bester Herr Bonnier 
Falls die Jury mich morgen (137)  freispricht, reise ich am Abend. (138)  Recetten im Neuen 
Theater ist aufgeschoben. (139)  Ich habe genug von Schweden, und will diesem Land 
nicht noch eine Nacht schenken. Ich mag keine Ovationen und auf die Gunst des 
Volkes baue ich nicht. 
Meinen Dank für das erwiesene Wohlwollen und die gute Unterstützung. Meinen 
ehrerbietigen Gruß an die Familie, die ältere und die jüngere ohne Besuch. 
                                                                               Mit ausgezeichneter
Hochachtung
                                                                                      August Strindberg
 
 
Brief Nummer 45
An Albert Bonnier
                                                                       Genf, d. 28.Nov.1884
                                     Bester Herr Bonnier! 
Bettlägrig seit der Ankunft mächtige ich nur in Kürze auf Ihren Brief (140)    zu 
antworten, daß eine Änderung, mit Ausnahme von ein, zwei schweren Wörtern 
(worüber wir auch einig waren), nicht in Frage kommen kann. Ich habe öffentlich 
erklärt, daß mein Buch ernsthaft durchdacht war und dabei bleibe ich. (141)  Dem Feind 
die Waffen zu übergeben, wenn dieser es begehrt, ist eine Eselei. Nur weil ich 
Schelte bekam, ändre ich nicht Schreibart und Ansicht,das sollten Sie wissen und 
mein früheres Verfassen hätte Sie auf das, was geschah, vorbereiten müssen. 
Wollen Sie nicht mein Verleger sein, müssen wir uns wohl wie Abraham und Lot 
verhalten, plus daß ich mein Konto ordne. Ich kann absolut nicht sehen, daß Sie mit 
der Macht der Kapitals das Recht hätten, mich zum Schweigen zu bringen, eine 
Macht, die weder Schwedens Justizminister noch das Svea Hofgericht hatten: und 
da ich nur die erste Auflage von "Heiraten" verkauft habe, kann ich, nachdem ich 
Sie Ihnen vertragsgemäß angeboten habe, und Sie sie refüsiert haben, das Buch 
einem andern anbieten, der mich auch gleich von meinen Verpflichtungen Ihnen 
gegenüber löst, so wie Sie mich einmal von Looström (142)  lösten. 
Ihre Antworten in der Frage abwartend und mit Hoffnung auf eine Friedliche 
Lösung unterzeichne ich 
                                                                       mit ausgezeichneter
                                                                       Hochachtung
                                                                       August Strindberg
 
 
Brief Nummer 46
      An Jonas Lie
                                                                            Genf, d. 2.Dez. 1884
                                    Lieber Freund! 
Ich bin krank gewesen, sonst hätte ich früher auf Deinen Brief geantwortet. Als ich 
Dir letztens schrieb, (143)  ich glaube, es war an dem Abend, da die Heimreise, durch 
Anzeigen-Erklärung als unnötig erklärt worden war, und ich wollte, glaube ich, 
mich zur Ruhe begeben (war es so?). In der Nacht wurde ich zweimal um 11 Uhr 
und um 2 Uhr durch Telegramme geweckt - und am Morgen reiste ich ab. 
Das war eine verdammte Reise zum Land der Mastodonte. Archäologie für mich. 
Aber das Volk wollte, daß Strindberg gekreuzigt werde und Märtyrer spiele und 
Prophet und Tribun und all das! 
Und so geschah es! Ich hielt Perronansprache, (144)  empfing 300 Briefe und 
Telegramme, hielt eine Haustürrede, (145)  bekam Deputationen, Ovationen, 
Galaspektakel, Grobheiten, Pfiffe, Lorbeerkränze, Blumen und Scheuerwedel! 
Die Anklage war für mich  Ägyptische Vorgeschichte. Das Publikum erwartete eine 
Probe  strahlender Rhetorik und im Coupé zwischen Malmö und Nässjö schrieb ich 
mit Bleistift einige Zeilen. 
Über die Piccardonlehre zu streiten, war für mich, der so weit in der Zukunft, bis 
zum Kommunismus, lebt, vollständig sinnlos. Ich kam nachhause, um Albert 
Bonnier frei zu bekommen und nichts anderes. Aber siehe, daß war nicht die 
Meinung der Öffentlichkeit! August Strindberg wurde zur Herbstschlacht gebraucht. 
Leider war ernicht der Mann, den sie suchten. Sie benutzten ihn auch zu allem: vom 
Positivismus, (146)  Wahlbewegung und Abstinenzbewegung, um ihn schließlich auf 
einen Zigarrenkasten zu setzen. 
Und dabei wollte ich ein Exempel statuieren und dem Stadtgericht  von Genf aus ins 
Gesicht spucken und den Gewaltgesetzen trotzen und damit der Welt eine neue Art 
der Antwort auf die Roheiten der Oberklasse zeigen - ich, der ich Romantik auf 
Landungsbrücken und Banketten verachte - ich mußte all das auf mich nehmen! 
[---] 
So brausten Bjørnsson und ich aufeinander. Beschimpfungen und Beckmesserei. Ein 
Wort gibt das andre. Als ich nach Stockholm kam und seine stattlichen Artikel las, 
war ich verstimmt und ich war verstimmt, von den meinen getrennt zu sein: darum 
schickte ich ihm ein sentimentales Telegramm. Darauf antwortete er in einem 
offenen Brief an Gejerstam (dem jungen). Ich las natürlich nicht den Brief und 
B[jørnstjerne] B[jørnsson]s Beleidigung, mich unter die Vormundschaft eines 
Jünglings zu stellen, machte jeden weiteren Umgang zwischen uns unmöglich. 
[---] 
Auf jeden Fall war es von B.B. nicht sehr fein, dazusitzen und mir in den Rücken zu 
hauen, wo es doch um zwei Jahre Sklaverei ging. So ich schrieb eine Visitenkarte 
und drohte ihm, (147)  falls er sich nicht zurückhalten konnte und sich dummdreistig 
benahm. Da verlor B.B. seinen letzten Mut und schickte seine rasende Frau vor, die 
Dummheiten schrieb, die ich ungeöffnet an Geijerstam weiterreichte. Darauf 
erklärte die schlechte Zeitung FIGARO, daß  B.B. seinen Artikel in DAGENS 
NYHETER (148)  zurück genommen habe, und so wurde B.B. von der rechten 
Hetzpresse gefeiert [---] 
Daraufhin begann er eine neue Attacke in TIDEN und verlautbarte in artiger Form, 
ich sei ein Schurke, falls ich nicht heimgefahren wäre. Daraufhin war meine 
Antwort, daß er ein Lump sei, wenn er mich Schurke nennt. 
Das waren nun erbauliche Sachen für Dich, lieber Lie. Aber das traurige ist, daß 
diese Geschichte des B.B. unsere ganze große Zusammenarbeit  schaden kann. 
Meine Parteifreunde, ich habe solcher viele, erfassen das Eingreifen eines 
Norwegers in eine schwedische Frage als Unverschämtheit  und seine Majestät 
Bjørnsson darf nicht Strindberg in einem schwedischen Blatt niedermachen. Was 
wäre, wenn ich B.B. in einer norwegischen Zeitung, im DAGBLADET, niederhauen 
würde. Das würdet ihr niemals drucken! Aber der Schwede ist ein Kriecher und 
höflich zu jedem. 
Eine andere Sache. Du sagtest einmal, Du glaubtest, der Schwede könnte 
explodieren. Gut, ich glaube das auch. Ich will Dir  jetzt etwas mitteilen, auf Ehre 
und Gewissen und Schweigegelübte. 
In Stockholm war ich auf Versammlungen mit jungen gebildeten Fanatikern. Wäre 
ich unverheiratet, dann würde es jetzt Schluß sein mit der Bernadottedynastie, nicht 
durch Revolution sondern Attentat. (149) 
Die Nationalregierung war ausersehen, die Grundgesetze geändert, Grundriß des 
Schlosses, sowie Untersuchungen der Umgebung, Minen u.s.w., alles fertig. 
Nach solch einer Konferenz schlief ich nachts schlecht, das war schade. 
Man bat mich von Genf aus, die Leitung zu übernehmen. Ich versprach es, werde es 
aber nicht tun. 
Die Unzufriedenheit in Schweden ist groß. Die ganze Garnison ist aufrührerisch, 
die Armee unzufrieden, wegen des vom Hofe ernannten Haufens untauglicher Chefs 
[--] 
Ich war die ganze Zeit von Detektiven bewacht und man hatte mehr Angst vor mir, 
als ich vor denen. Ich ließ den Överståthållare (150)  fragen, ob ich nach Hause fahren 
dürfe, um meine Geschäfte zu ordnen. Erhielt die Antwort: mit größtem Vergnügen! 
Genug davon: Sage B.B. , daß er keinen Finger mehr gegen mich erhebt.  Wir 
haben zu große allgemeine Interessen, um es für privaten Zank und Neid aufs Spiel 
zu setzen. Wenn ihr in Norwegen einen Vizekönig bekommt, könnt ihr ruhig Aufruhr 
machen. Die schwedische Armee wird keinen Schritt gegen euch vorgehen! 
Wäre ich mit Gefängnis bestraft worden, hätte es Unruhen gegeben. Scharfe 
Patronen waren ausgeteilt und Kavallerie stand bereit. 
Der Schwede hatte richtig schlechten Humor! 
Wie auch immer! Jetzt nehme ich Abschied von Schweden und der Welt und ziehe 
wieder in die Einöde  zum Denken und Lesen über die großen Fragen der Zukunft. 
Ob ich mutig war oder nicht ist ja eine Detailfrage, worauf B.B. keine Zeit 
verschwenden sollte. Das ich Nutzen gab, das ist sicher und deshalb sollte B.B. mir 
verzeihen, daß ich so gefeiert wurde. Wüßte er, wie ich geschmäht wurde, wäre er 
zufrieden. Bitte ihn, jetzt zu schweigen. Er hat mich als Freund geprüft, als Feind 
soll er mich fürchten. Ich greife nicht an, aber ich verteidige mich und das mache 
ich sehr gut! 
Und nun lebwohl!
                                                                  der Freund
                                                                  August Strindberg


Zum nächsten Brief