AUGUST STRINDBERG
Selbstportrait in Gersau (Schweiz) 1886
 
 
 
 
 
 

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Brief Nummer 47
An Gustaf Steffen.
                                                          Othmarsingen Aargau, Schweiz  19.Mai 1886
                                    Bester Herr Steffens 
Nun wohne ich in Othmarsingen, Aargau, ein vollständiges Arkadien, wo ich noch 
mehr im Glauben bestärkt wurde, Intelligenz ist Geistesstörung(151). In Dresden will ich 
nicht wohnen, erstens weil Snoilsky,(152) zweitens weil Bebel dort wohnt. Ich hasse 
Bebel, weil er an der Wiedereinführung des Matriachates arbeitet(153) und daß nach 
meiner Meinung, der Mann, der ja alles Kapital geschaffen hat, alle Gedanken, alle 
Arbeit, allein das Recht haben soll, die Gesellschaft zu formen und den faulen 
Ludern, den Frauen gnadenhalber zu geben, was ER für gut findet. Haben Sie "Le 
Matriarcat" in NOVELLE REVUE VOM 15. März 1886 gelesen? Lesen Sie das und 
gehen Sie dann ins Bordell. Bachofen 186? hat ja "Mutterrecht" geschrieben.(154) 
Haben Sie oder Christensen das Buch, um es mir zu leihen. Ich trete nun im zweiten 
Teil von "Giftas" (Heiraten) als absoluter (?) Frauenhasser auf. 
Wenn der Mann sich vom Gorilla entwickelt hat, so sind sicher die Gorillaweibchen 
untergegangen und die Gorillamännchen kopulierten mit Weibchen von einer 
Schimpansenart. Mann und Weib sind nicht von der gleichen Tierart! 
[---] 
HabenSie wirklich mich verdächtigt, eine politische Rolle zu spielen? Ich hätte doch 
Reichstagsmann beim Prozeß werden können, doch darauf verzichtete ich - ich 
glaubte manchmal, ich sei Philosoph! Entdecke aber sodann meine Verwirrung  und 
rette mich wieder in die Schönliteratur, wo man glücklicherweise Mist reden darf. In 
Bebels Heilsarmee will ich nicht eingehen. Vor seiner Dogmatik sollen Sie sich in 
Acht nehmen. Wäre er ein Bauer, d.w.s. mit nur gesunden Verstand, wie die reine 
Unterklasse, so wäre er besser; jetzt ist er jedoch Mittelklasse mit Kulturkotze und 
Konfessionen aus Oberklassebücher gepflückt. Das da über Frauen ist schändlich 
und dumm! Nein, Schwarzpulver unter das ganze erst und dann eine neue natürliche 
Auswahl. Gesellenleitung ist Mittelklassen- oder Philisterherrschaft. Wir bekommen 
von unseren Kartoffeln nur die Schalen ins Gesicht zurück. Bebel ist ein Moderner, 
aber ein moderner Automat! Will er die Oberklasse und die Mittelklasse abschaffen! 
Gut, da bin ich dabei! 
Ich habe bereits im Winter junge Darwinautomaten und Spencerautomaten 
getroffen! Die Konsequenz der Evolutionstheorie muß heißen: entweder Aristokratie 
(gestützt durch die Listigen = Intelligenzia und den Unmoralischen mit Hilfe roher 
Macht = Armee) oder Anarchie.Eine natürliche Wahl! 
Deutschland ist ein Doktorland. Es ist zu sittlich (asexualisiert) und zu christlich für 
mich. Frankreich ist besser - für mich. Obwohl ich persönlich weder saufe oder 
außerhalb der Ehe ficke, aus der einfachen Ursache, ich mag nicht viel Saufen und 
außerdem  bin ich leider monogam. 
[---] 
Kurz! Ich wage nicht mit in die Sozialistbewegung zu gehen, denn entweder bliebe 
ich opponent oder Brandstifter! 
Im Augenblick studiere ich Psychologie. Nichts Böses darin! 
Lebwohl nochmal bis dann und wir sehen uns bei Gelegenheit. 
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Glückliche Tage in der Schweiz
mit der Familie
Brief Nummer 48
An Albert Bonnier
                                                                             Weggis in der Schweiz
                                                                              20.September 1886
            Bester Herr Bonnier!
Die Reise ist vollendet und mir erscheint sie als Mannestat. Der Plan war zwei 
Jahre lang studierty worden; alles wußte ich vorher; es waren nur Fakten zu 
konstatieren. 
Wir reisten in der dritten Klasse, interviewten  dort die Bauern; stiegen auf 
Dorfstationen ab, gingen mit Gepäck über das Land, manchmal über eine 
schwedische Meile,(155) interviewten in Bauerschenken, in den Hütten. 
Photographierten und zeichneten Bauernhäuser und Landschaften; fuhren zuweilen 
12 Stunden hintereinander in der 3.Klasse; stiegen um 2 Uhr in der Nacht auf, um 
fortzusetzen; fuhren im Pferdewagen 4 schwedische Meilen, hatten Berge bestiegen; 
kauften alle Provinzzeitungen, die mit dem Rotstift durchsucht und heimgeschickt 
wurden ; sammelten Kräuter, die in der für jedes Departement eingekauften Joannes 
Géographie gepreßt und heimgesandt wurden. Wurden als Preußen gehunzt, von 
Gendarmen schikaniert, als Landstreicher  im Hotel behandelt, weil wir außer 
unserem Handgepäck kein anderes Gepäck hatten. Mit allem Gepäck in den 
Händen gerannt, um einen Zug zu erreichen; photographierten und referierten 
Landschaften und Häuser vom Coupéfenster. Sahen wir einen neuen Haustyp, 
zeichnete der Kamerad die linke Seite, ich den rechten und dann setzten wir es 
zusammen. Beschrieben Dachziegel, Türen und Fenster, Verputz, Farben e.c.t. 
Dann lasen wir Korrektur vom nächsten Haus und verifizierten auf der Landstraße. 
Das war eine "moderne" Reise, Archibald-Forbisch! 
Meine Augen sind rot wie die einer Plötze, und das Futter meiner Jacke ist vom 
Schweiß verfault; die Haut der Füße hat Risse von den Promenaden und ihnen wird 
Erleichterung mit einem Glas Cognac verschafft, welcher in die Strümpfe gegossen 
wurde, der Magen wurde mit Enzian instand gehalten und die Augen mit 
Rosenwasser. 
Ich fühle mich vollständig erfrischt von der Pferdekur. Sowas hatte ich gebraucht. 
Und während all dem Korrektur gelesen und Korrespondenz besorgt. 
                           Ich nenne das Gemachte 
                            Franska Bönder [Französische Bauern] 
                                    2.Abteilung 
                            Autopsien und Interviews 
und beschreibe nur, was ich gesehen und gehört habe. Das Beste werden 
Landschaften  in reicher Auswahl : Franche-Comté. Champagne. Flandres. 
Normandie. Bretagne. Les Lanes. Languedoc. Provence. Auvergne. Morvan. 
Bourgogne. Garonnetal. Loire dito. Seine dito. Beauce. Touraine. 
[---]
                                                                   Mit Hochachtung
                                                                         und Zuneigung
                                                                               August Strindberg
 
 
 
 
 
 
 
Brief Nummer 49
An Anna Wahlenberg
                                                             Gersau, den 14. November 1886
 
                                Mein Fräulein,
Ihre Annahme, ich ließe Ihr Buch ungelesen, war noch so begründet, denn ich lese 
nur die Frauenzimmerbücher, die ich gezwungen bin, zu lesen. Ich ließ auch das 
Ihrige ungelesen, nachdem ich die letzten Seiten durchgesehen  und Ihre Auffassung 
von Billigkeit und Gerechtigkeit vollkommen verwirrend gefunden habe. Nach Ihrer 
anspruchslosen Meinung sollten die Frau in den Arbeitsmarkt des 
Familienversorgers einbrechen, ohne ihn von der unerhörten Versorgungslast für 
die Frau, ihre Kinder und Diener zu befreien, nur weil sie zusammen Kinder haben. 
Und wie einfach und billig die Frau lebt! Vergleiche einen Modehandel und einen 
Schneiderladen. Laß sie versuchen, ihre kräfte zu versechsfachen, verfünfzehnfachen 
(ich sehe jeden Tag einen weißhaarigen Mann, der fünfzehn Personen versorgt, 
sowie vier Katzen und zwei Hunde, die von den Frauenzimmern gehalten werden), 
dann werden wir sehen. Daß Sie sich über solchen Unverstand nicht schämen. Und 
dabei wollen  Sie tiefer gesehen haben als ich! Man muß schon ein verwöhntes 
Frauenzimmer sein, um mit solcher Dünkelhaftigkeit zu kommen. 
Von Ihnen habe ich nichts zu lernen, aber Sie können zu Ihrem eigenen Nutzen 
fortfahren, meine Schriften zu studieren. 
                                                                  Hochachtungsvoll
                                                                   August Strindberg
 
 
 
Brief Nummer 50
 
An Edvard Brandes aus Gersau, Schweiz
   3.Dez. 1886
 [---]Ist die unverheiratete Frau gezwungen,(156) in den Arbeitsmarkt des
Mannes einzudringen, wo sie doch ihren eigenen hat? Die unverheiratete kann
Dienstmädchen, Amme, Haushälterin, Lehrerin, Musiklehrerin, Schauspielerin,
Tänzerin, Hofdame, Königin, Kaiserin oder, im schlimmsten Fall, Hure werden. Die
letzte Möglichkeit fehlt dem Manne. [---]
 
Gustaf Uddgren schrieb 1912 über den Strindberg der späten achziger Jahre in seinem Buch "En ny bok om Strindberg" (Ein neues Buch über Strindberg), Seite 32ff:  
"Als Strindberg am 18.November 1884, nach dem Abschluß des Giftas- Prozesses, Schweden verließ, legte sich fast unmittelbar eine seltsame Stille über seinen Namen. 
 
.
SIRI von ESSEN
in Gersau (Schweiz) 1886
 
Wir jungen konnten uns nichts anderes denken, als daß der Sieg, den Strindberg 
gewonnen, da er freigesprochen von der Anklage der Gotteslästerung, alle Sinnen 
gewinnen und ihm endlich, als Dichter und Veränderer, Gerechtigkeit erwiesen würde. 
Stattdessen verschwand er fast aus unserer Sicht. Seine Dichtung verstummte 
beinahe vollständig; Schrieb er etwas, drang es nicht zu uns. 
Als wir Strindberg, den eigenwilligen Dichter, wieder trafen, war er ein vollständig 
anderer Mann. Er war ein künstlerischer Dramatiker geworden, hatte einige 
hypermoderne kleine Schauspiele, "Der Vater" und "Fräulein Julie", verfaßt, welche 
kein Verleger in Schweden herausgeben wollte, sondern nur durch das 
Mäzenatentum eines Buchdruckers aus Helsingborg doch herauskommen konnten. 
Obwohl Emile Zola zu dem Drama "Der Vater", das er teilweise lobte, ein Vorwort 
verfaßt hatte, war die Kritik gleichgültig uninteressiert. Strindbergs frühere Freunde 
und Beschützer, Georg Brandes und Bjørnstjerne Bjørnsson erklärten ihn in Acht und 
Bann und verbreiteten über ganz Skandinavien, der Verfasser des "Vaters" war 'en gal Mand'(157) (ein verrückter Mann). Man erzählte von Mann zu Mann, Strindberg  habe auf einer Insel in Dänemark wirklich eine Wahnsinnsgeschichte erlebt und nun sei er Anstaltsreif. 
Mittenin diesem literarischen Altweibergewäsch über ihn, kam "Hemsöborna" (Die Leute von Hemse) heraus. Da gab es keine Spur von Wahnsinn. Mit so leichter Hand, man glaubt kaum, es könnte Strindbergs sein, malte er dieses japanische Schärenidyll. Das war  ein Lobgesang an die Sommer auf Kymmendö, wo "Meister Olaf" und vermutlich auch "Das Neue Reich" entstanden waren; Ein Lobgesang an das Freiluftleben, draußen zwischen den Schären, wohin er sich von der schweren Wärme in Frankreich und der Schweiz zurücksehnte." 
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Brief an Albert Bonnier.
Brief Nummer 51
    19.1.87
Werter Herr Bonnier.
Zum 1.Mal in meinem Leben wohnhaft in Deutschland. Nach französischer 
Absinthaufhetzung und schweizer Hirtenlebenpimpelei, bin ich endlich in einem 
Land, wo das Patriachat und Mannesglied noch in Ehre und Achtung  gehalten 
werden. Ich lese die Rede des Reichskanzlers mit Begeisterung und sehe in ihm den 
modernen Realisten; Ich sehe Wehrpflichtige, die vom Morgen bis zum Abend 
gedrillt werden und fühle tiefe Bewunderung für Staat und Gesellschaft. Meine 
Hochachtung wird unverändert bleiben, falls man mich hinauswirft, auch wenn 
meine Liebe abkühlen würde. 
Gerade jetzt sitze ich und schreibe für die NEUE FREIE und habe Übersetzer hier 
am Platze. 
Definitive Adresse: (eingezogen) Issigatsbühel: bei Lindau am Bodensee Bayern. 
Wohne in einem Landhaus mit Pächter und vorbereite alsbald "Der deutsche 
Bauer". 
Erbitte Korrektur der drei letzten Bogen.
  Hochachtungsvoll ergebenst
     August Strindberg
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Brief Nummer 52
Brief an Edvard Brandes von Issigatbühel, Schweiz
   19.Februar 1887
[---]Ja, Du mein Alter, hier ist die Machtfrage, und glaube mir, bekommen die
Frauen Hand um Kapital und Macht, so können wir nicht mehr antreiben. Sondern
wir werden Huren, denen sie einige Groschen zuwerfen! Also schluß mit der
Diskussion! Laß einen Penis aus roten Sandstein auf meinem Grab aufrichten und
schreibe darauf: Hic jacet! =Hier liegt er!
[---]
Brief Nummer 53
An Verner von Heidenstam.
   [Um den 17.Mai 1888]
 Lieber H.
Das Buch macht Furore. Traf G[eorg] B[randes] gestern;  er zuerkannte "Talent".(158) 
Levertin hat enthusiastisch geschrieben und Lundegård ist bezaubert.Wird in Lund 
unerhört verkauft! und erregt Aufsehen im südlichen Schweden! 
Laß von Dir hören, wenn Du herkommst, so möchte ich Dich gerne treffen! Kaufe 
dir einen deutschen modernen Philosophen mit Namen Nietsche[sic!], über 
welchen G.B. Vorlesungen(159) gehalten hatte. Da ist alles(160) zu lesen! Verweigere Dir 
nicht diesen Genuß! N. ist auch Dichter. Ich schreibe jetzt eine Idylle,(161) noch 
idiotischer  als "die Leute von Hemsö". Wohl oder übel, zum Teil, um dann 
ungespielte Stücke und ungedruckte Romane zu machen. [---] 
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Brief Nummer 54
An Georg Brandes
   Holte, der 29.Nov. 1888
 Lieber Herr Doktor,
Mit vielen Dank für Nietzsche,(162) der für mich allzu teure Bücher schreibt, schicke 
ich "Fräulein Julie", in einer, einerseits vom Verleger bearbeiteten Ausgabe, als 
auch von mir beschnitten, da dieser Flegel, der Verleger, die Geschmacklosigkeit 
hatte, auf dem Umschlag für ein gegen mich gerichtetes Buch zu annonzieren.(163) 
Sie finden es allerdings einen Versuch wert, LA NOUVELLE FORMULE, angepaßt 
auf unsere Bedürfnisse, herauszugeben[---] Meinerseits finde ich mich bestärkt in 
meinem Glauben, an meine Versuchsformel, wonach [---] es in jedem Drama 
nämlich une scène gibt! Die will ich haben; was soll ich mit dem anderen Plunder 
anfangen und sechs, sieben Schauspieler mit Auswendiglernen belasten. 
In Frankreich aß ich stets 5 Lammkottlets, zum großen Verwundern der 
Eingeborenen. Die Kottlets bestehen nämlich aus einem Skålpund(164) Knochen und 
zwei Zoll Speck, die ich verschmähte. Darinnen saß eine Kugel des Rückenmuskels, 
la noix! Die aß ich. Gib mir die Nuß (Kern) möchte ich den Dramaturgen zurufen! Ja! - 
Nietzsche schickte ich den "Vater" vor 8 Monaten an die Adresse seines Verlegers! 
Jetzt geht es weiter ab!(165) Ich sehne mich oft, mit Ihnen zusammen zu treffen, aber 
ich habe es so schwer, zur Stadt zu kommen und  - habe so viele Gründe! 
Allerdings war es erfrischend, von Ihnen eine Erinnerung zu bekommen. Und ich 
bitte, miteinbezogen zu sein. 
  Ihr
  August Strindberg
Brief Nummer 55
An Georg Brandes
   Holte, d. 1.Dezember 1888
 Lieber Doktor,
Nietzsche ist doch ein unglaublich brillanter Meister, und doch fragt er, ob ich ihn
übersetzt bekommen kann?(166) Da wären doch Sie der Mann, das zu bestimmen, denn
ich bekomme nur mit Mühe Verleger zu meinem Jux?
Was soll man ihm antworten?
Bemerken Sie meine Umwertung des Bedienten-Figaro im Jahre vor 1889?(167)
  Ihr August Strindberg
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Friedrich Nietzsche
Brief Nummer 56
An Friedrich Nietzsche
   [4.Dezember 1888](168)
 Mein Herr,
Ganz ohne Zweifel haben Sie  das tiefsinnigste Buch(169) der Menschheit gegeben, und 
was nicht das Unwichtigste ist, Sie haben den Mut und wohl auch das Verlangen, 
dem Pack diese herrlichen Worte ins Gesicht zu spucken. Und dafür danke ich  Ihnen. 
Indessen hat es den Anschein, daß Sie mit all der Unabhängigkeit des Geistes etwas 
den Verbrechertyp(170) hofieren. Studieren Sie die hunderte Photographien, die den 
"L'homme criminel" von Lombroso illustrieren(171) und Sie müssen zustimmen, daß 
der Schurke ein niedriges Tier ist, ein Entarteter, ein Schwächling , dem die nötigen 
Fähigkeiten fehlen, den Gesetzesparagraphen aus dem Weg zu gehen, die seinem 
Willen und seiner Kraft Grenzen setzen. (Observieren Sie den Ausdruck 
stumpfsinniger Moral bei diesen ehrenwerten Untieren! Was für eine moralische 
Enttäuschung!. 
Und Sie wollen in unsere  grönländische Sprache(172) übersetzt werden! Warum nicht 
ins Französische oder Englische? Sie können über unsere Intelligenz urteilen, da 
man mich  wegen meiner Tragödie in eine Anstalt sperren wollte und einen so 
scharfsinnigen, so reichen Geist wie Herrn Brandes  von der Flegelmajorität zum 
Schweigen genötigt worden ist. 
Alle meine Briefe an meine Freunde schließe ich mit: Lest Nietzsche! Das ist mein 
Carthago est delenda! 
Allerdings wird Ihre Größe herabgezogen von dem Moment, da Sie gelesen und 
verstanden werden, und das verfluchte Gesindel Sie zu duzen beginnt, wie einen der 
ihren.  Sie sollten die vornehme Einsamkeit vorziehen und uns, die zehntausend 
Höherstehenden, eine heimliche Wallfahrt zu Ihrem Heiligtum machen lassen, wo 
wir aus vollem Herzen schöpfen dürften. Lassen Sie uns die  esoterische Lehre 
ausüben, so daß diese rein und unvermischt bestehen kann und nicht ohne 
Vermittlung der ergebenen Jünger, in deren Namen ich unterzeichne 
   August Strindberg
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"DIE SEE" gemalt von August Strindberg
Brief Nummer 57
An Philipp Reclam
   Holte(Dänemark),
23.Dez.1888
 H.H.(173)
Herr E.Brausewetter in Stuttgart hat mir erzählt, dass Sie meine Tragoedie "Der
Vater" herausgeben wollen. Erlauben Sie mir ein exemplar(174) zu verlangen wenn das
Stück erschienen ist
  Hochachtungsvollst
  August Strindberg
 
 
 
 
 
 
An Friedrich Nietzsche, nachdem von diesem ein merkwürdiger Brief(175) eingetroffen
war.
Brief  Nummer 58
 
     Holtibus pridie cal. Jan. MDCCCLXXXIX
 Carissime Doctor!
 Qelw, Jelw manhnai!
Litteras tuas non sine perturbatione accepi et tibi gratias ago.
 Rectus vives, Licini, neque altum
 Semper urgendo, neque dum procellas
 Cautus horrescis nimium premendo
  Litus iniquum.
Interdum juvat insanire!
 Vale et Fave!
    Strindberg (Deus, optimus maximus). (176)
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Brief Nummer 59
An Georg Brandes
   Holte, 3.Jan. 1889.
 Lieber Doktor.
Ich beschwere Sie mit Korrespondenz, aber nun glaube ich, unser Freund Nietzsche 
ist verrückt und was schlimmer ist, er kann uns kompromittieren, falls nicht dieser 
listige Slawe(177)(erinnern Sie sich an Turgenjew-Daudet und dem scharfsinnigen 
Tolstoi) mit uns allen nur seinen  Schalk treibt! 
Lesen Sie seine drei Briefe hintereinander. In Nr. 1 bittet er mich, "Ecco Homo" zu 
übersetzen - ins Französische! Um ihn abzuschrecken, sagte ich, was ich für Mariés 
(zirka 1000 Franken)(178) bezahlen mußte. In Nr. 2  macht er einen Rückzieher und 
schickt " Die Generalogie der Moral".  Es verblüfft mich, daß ich, ohne ihn zu 
kennen, über Remords(179) schon lange vorher spekulierte und schickte ihm diese 
Novelle.(180) 
Darauf antwortete er mit Nr 3, unterzeichnet Nietzsche Cæsar.(181) 
Was tun?
   In Eile freundlichst
   August Strindberg
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Brief Nummer 60
An Ola Hanson.
   Holte, d. 3.Jan. 1888(182)
 Lieber Ola H.
In der Nacht zwischen dem Zweiten und dem Dritten Weihnachtsfeiertag las ich 
Edgar Poe zum ersten Mal! Und notierte das in meinem Kalender! Ich bin 
betroffen! Ist es möglich, daß er, V49, im gleichen Jahr, da ich geboren, sich durch 
Massen von Medien, bis zu mir herunterschwelen konnte! 
Was ist Kampf der Gehirne, Schleichwege,(183) - Ja, "Das Geheimnis der Gilde" (das 
ich heute in Dänischer Korrektur gelesen habe) anderes als E.P.! 
Und "Der Goldene  Käfer"? - Weißt Du, daß ich unverzüglich die Faszination 
Deines "Parias" in Verbindung mit diesem setzte! Erinnere Dich, Du erwähntest 
den Namen Edgar Poe! Zuletzt! Ich war bezaubert von Deinem "Parias". War viele 
Tage unruhig im ganzen Körper, bis ich, ohne weitere Motivierung, das Buch von 
Dir requirierte(184) Als ich dann den "Goldenen Käfer" las, ging es mir auf! Deinen 
Parias gibt es dort nicht, aber den Insektenkescher - alles das, was lockt und 
zieht.(185) Glaubst Du nun nicht an "Geister", wäre das merkwürdig. So ist das also 
mit den Seelen (Hirnvibrationen),  die in anderen Seelen fortsetzen und deshalb 
gibt es  eine gewisse Unsterblichkeit bei der beweglichen Seele! 
Ich habe so viel Neues, Psychologisches mitzuteilen, und ich bin sicher, ich könnte 
Edgar P. sehr viel weiter entwickeln. Ich glaube, ich könnte Schätze finden, ohne 
Chiffre oder sowas - komm her  einen Tag, so wirst Du hören! 
Und viel mehr Neues - Psychologisches! Äußerst merkwürdige Sachen! 
Jetzt schreibe ich an Deinem "Parias"! 
Glaubst Du nicht, wir könnten nunmehr "Hoffmanns Erzählungen" mit Revenue 
lesen? E[dgar] P[oe] wird ja von dem dummen Schück nur als neuromantischer 
Alkoholist angesehen,(186) und dabei war es doch er, der Bourget, Maupassant - in 
"Pierre et Jean" - der"Rosmersholm", den "Vater"befruchtete, nicht zu sprechen, 
von allen Gedankenlesern und Hypnotiseuren!  Das nächste Zeitalter wird das 
Zeitalter von E.P. sein! 
Wenn Du wüßtest, was ich erlebt habe, seit dem ich E.P. gelesen habe - erlebt - 
weil ich darauf  Acht gegeben habe! 
Und wie weit "Der Gläubiger"(187) vor seiner Zeit ist! Wenn er die Epilepsie 
hervorholt!(188) Ich wußte nicht, wie recht ich hatte - aber jetzt weiß ich das! 
Ich habe soviel zu erzählen - aber ich kann mich nicht freimachen! Hast Du Lust - 
so komm herüber zu mir für vierzehn Tage, wenn Dein "Paria"(189)fertig ist! Dann 
lesen wir es - und passiara! 
  Gutes Neues Jahr jetzt! Wünscht
    Dein Freund
     Aug.Sg.
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Brief Nummer 61
An Ola Hanson
   Holte, 28.Januar 1889
 Lieber Ola Hanson. 
Wie Du dem Blatt entnehmen kannst, werden wir wahrscheinlich "Paria" im ersten 
Programm spielen. 
Haeckel hatte schon in seiner "Morphologie" die "Entdeckung" gemacht: daß die 
niedren Tiere nur den entwickelten Kristallisierungsgesetzen gehorchen.(190) 
Aber neulich war eine Tangbewaldung  aus Wasserkristallen an meinem Fenster. 
Das  Wasser scheint demzufolge, außer in seiner hexagonaler Kristallisierung, den 
vegetativen Formbildungen zu folgen. 
Hallgren(191) war hier! Ein kenntnisreicher Mann - aber vom Sozialismus düpiert - 
übrigens normale Inkonsequenz - Evolutionist und Gegner der Grundbedingungen 
der Evolution - Ungleichheit, Freiheit, Freiheit auch stärker und klüger zu sein! 
Edgar-Poe-isch! Lese nicht diesen Josefsson'chen Brief, aber betrachte ihn und Du 
wirst arabische Buchstaben entdecken! Der Mann ist Araber und sein Stil zeigt 
Erinnerungen der Vorfahren! Warum auch nicht? 
In Frankreich sah ich den Brief eines Türken auf Türkisch: der war genauso! 
Ich glaube, Nietzsche macht mich blind, mein Gehirn ist wie eine offene Wunde! 
aus Überanstrengung, aber er macht mich sicher auch verrückt!  Denn dieses 
unerhörtes Selbstgefühl in seinen Büchern hat mir ein Gleiches gegeben! Was nicht 
hindert, das meine graue Hirnrinde zerbrechen kann, was noch geschehen wird! 
Fällt die Republik in Frankreich - so wie sie ist! dann werden wir kein Mannesalter 
und kein Greisenalter erleben, sondern werden in einem moralischen Gefängnis 
leben bis wir sterben! Was tun? Nichts!(192) Wir werden uns wohl alle in 
Gheel (193) treffen? 
Ich schreibe nun "Die Leute von Hemsö" um in ein Schauspiel und fühle mich wie 
eine Hure! Nochmal Lebwohl. 
   Dein Freund
   August Strindberg.
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Brief an Ola Hanson aus Lysekil, nach der Premiere des Schauspiels "Der Vater"
auf der FREIEN BÜHNE in Berlin am 12.Oktober 1890.(194)
Brief Nummer 62
  Lysekil, d.16.Okt. 1890
L O H [Lieber Ola Hansson]
Laut Telegramm an POLITIKEN soll "Der Vater" gespielt worden sein und die 
deutsche Presse hat sich einhellig gegen dessen Tendenz ausgesprochen! Ich kann 
mich nicht irgend einer Tendenz im "Vater" erinnern. Was ist das!(195) Weiter bemüht 
man sich, klagend anzumerken, es gäbe keine Laura in Deutschland.Wo habe ich 
gesagt, es gäbe sie in Deutschland? Oder: Gibt es Schutzzölle gegen exotische 
Typen? Warum nimmt man Raskolnikov, L'Étrangère und die Wildente, die es doch 
in Deutschland nicht gibt. Ist das ein persönliches Verbot für AugSg, nordische 
Typen zu schildern? oder Ausländische? In Schweden ist man streng, falls der 
Autor nicht Nordische oder insbesondere Schwedische nimmt. 
"August Strindberg" gemalt 1893 von Edvard Munch
Das ist doch nur Unsinn! Willst Du so nett sein, mich wissen zu lassen, was man
wirklich zu meinem Vorteil gesagt hat. Das andere weiß ich schon von früher.
Dein Manuskript hat mich noch nicht erreicht.
   Freundl.  AugSg.
 
"Die Stadt" (Stockholm) gemalt von August Strindberg


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